Donnerstag, 29. März 2018

Zu spät gestorben


Meine Lieben,

Ich fordere Politiker immer wieder auf, sich den ethisch – moralischen Fragen im Gesundheitswesen zu stellen. Besonders wenn es um Sparmassnahmen geht, ist diese Auseinandersetzung zwingend. Hinter diesen Fragen, stehen Menschen und ihre Schicksale. Frau Frieden (Name erfunden, nicht geändert, ich weiss nicht mehr wie sie hiess, aber noch ganz genau, wie sie aussah) ist eines dieser Schicksale…



Zu spät gestorben

Es war an einem Samstag im Pflegeheim. Ich hatte am Vortag frei gehabt und erfuhr so erst an diesem Morgen, dass ein Eintritt kommen würde. Den spärlichen Unterlagen entnahm ich, dass Frau Frieden von Zuhause kommen, an Lungenkrebs litt und die Situation palliativ sein würde.

Um 10.00 brachte die Ambulanz (nein, das ist eigentlich nicht üblich), Frau Frieden auf die Station. Frau Frieden lag, vor Schmerzen stöhnend und nach Luft schnappend auf der Trage. Aufgrund ihrer schlechten Venenverhältnisse war es den Sanitätern nicht gelungen einen venösen Zugang zu legen, um der Frau etwas gegen die Schmerzen zu geben. Der noch liegende Port konnten sie mangels Material nicht anstechen. Subkutane Injektionen waren ihnen nicht erlaubt (ich weiss nicht, ob das heute noch so ist, aber damals war es so). So war Frau Frieden ohne adäquate Schmerzmedikation transportiert worden.

Frau Frieden selbst war kaum mehr ansprechbar, das Leiden und die Schmerzen waren ihr jedoch ins Gesicht geschrieben. Arztbericht war keiner vorhanden, einzig ein Notizpapier auf dem mit die Spitex aufgeschrieben hatte, wann Frau Frieden von ihnen das letzte Mal Morphin subkutan erhalten hatte. Ich stand also da, alleine auf meiner Wohngruppe, mit einer Patientin, die vor Schmerzen schrie und hatte null Verordnung, um dieser Frau zu helfen.

Ich rief also als erstes in der Gemeinschaftspraxis an, welche das (äusserst knappe) Einweisungszeugnis geschrieben hatte. Nein, der zuständige Herr Doktor habe seit heute Ferien. Auf mein insistieren, dass ich jetzt einfach einen Arzt ans Telefon brauche, wurde ich dann mit der Vertretung verbunden. Diese kannte den Fall natürlich nicht, liess sich aber erweichen, und verordnete mir das für die Patientin dringend notwendige Morphin. Jedoch in einer Dosierung, von der ich wusste, dass es ihr niemals die furchtbaren Schmerzen nehmen würde. Nein, vorbei kommen könne sie nicht, sie habe die Praxis voll.

Ich fand schliesslich heraus, dass Frau Frieden bis vor kurzem auf einer Palliativstation hospitalisiert war. Um Informationen über die bereits bewusstlose Frau zu erhalten, rief ich dort an. Die Pflegefachperson kannte Frau Frieden und gab mir die private Telefonnummer ihres behandelnden Arztes auf der Palliativstation. Als sie den Namen nannte, fiel mir ein Stein vom Herzen. Es war Dr. Merlin (ja, er heisst wirklich so). Mit Dr. Merlin hatte ich schon einige Male bei Palliativsituationen zusammengearbeitet. Mit klopfenden Herzen, da ich ihn ja an seinem freien Tag störte, rief ich ihn an und schilderte die Situation. Und Dr. Merlin war mein und vielleicht auch Frau Friedens rettender Engel. Noch am Telefon verordnete er mir eine ausreichende Menge Morphin. Dann setzte er sich ins Auto und kam her.

Von ihm erfuhr ich dann, wie Frau Frieden in diesem desolaten Zustand auf meine Wohngruppe gelangt war: Frau Frieden war drei Wochen auf der Palliativstation gewesen. Nach dieser Zeit war jedoch die Kostengutsprache der Krankenkasse abgelaufen. Frau Frieden war also schlicht zu wenig schnell gestorben. Da Frau Frieden zu diesem Zeitpunkt noch einigermassen selbständig war, wurde sie mit Spitex nach Hause entlassen. Dort verschlechterte sich ihr Zustand innerhalb einer Woche so dramatisch, dass am Freitag notfallmässig ein Bett für sie gesucht werden musste. Die Krankenkasse wollte nach so kurzer Zeit keine Kostengutsprache für die Palliativstation machen, die Spitäler lehnten sie ebenfalls ab. Unsere Casemanagerin hatte Mitleid und nahm die Frau auf. Dies ohne zu wissen, wie schlecht es der Frau wirklich ging.

Dr. Merlin tätigte die für mich so wichtigen Verordnungen. Bevor er ging sagte er zu mir: „Sie dürfen mich jederzeit anrufen, wenn sie noch etwas brauchen, auch wenn Frau Frieden verstirbt, ich komme dann und stelle den Tod fest (dies muss bei jedem Menschen der verstirbt so sein). Frau Frieden hat es verdient, dass sich in ihren letzten Tagen noch jemand zuständig fühlt.

Frau Frieden verstarb nach wenigen Tagen, ohne noch einmal das Bewusstsein zu erlangen. Ihre Schmerzen konnten wir einigermassen lindern. Frau Frieden verliess diese Welt in einer ihr fremden Umgebung, umgeben von Menschen, die zwar ihr Bestes taten, um ihr ein würdevolles Sterben zu ermöglichen, die sie aber nicht kannte. Beim Gedanken daran kommen mir noch heute die Tränen. Es wäre anders möglich gewesen. Auf der Palliativstation, auf der sie drei Wochen gewesen war, hatte sie sich noch dazu äussern können, was sie sich wünschte, sie hatte Beziehungen zu den Pflegenden aufgebaut, es waren alle Verordnungen und alle Möglichkeiten da, um ihr Leiden zu gering wie möglich zu halten, aber weil sie nicht schnell genug gestorben ist, musste diese Frau unendlich leiden. Sie ist durch sämtliche Maschen des Systems gefallen, weil sie zu spät gestorben ist.

Eure Madame Malevizia

Donnerstag, 15. März 2018

Bundesrätliche Ablehnung der Pflegeinitiative – Eine Pflegehexerische Stellungnahme und Fazit




Meine Lieben,
Der Bundesrat lehnt die Volksinitiative für eine starke Pflege (Pflegeinitiative) ab. Für mich nicht wirklich überraschend. Es ist sein gutes Recht, das zu tun. Dass er es tut, ohne einen Gegenvorschlag zu machen, enttäuscht mich. Die Medienmitteilung, in welcher der Bundesrat seine Ablehnung begründet, macht mich wütend.
Ich empfinde sie als Schlag ins Gesicht, jeder Pflegenden und jedes Pflegenden, die täglich ein System aufrechterhalten, welches kurz vor dem Kollaps steht. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache, sie sind dem Bundesrat bekannt. Bereits jetzt fehlt es an Pflegefachkräften, die Tendenz ist steigend. Vor allem in der Langzeitpflege. Aber auch in den Akutspitälern und in der Spitex spitzt sich die Lage zu. Der Mangel droht nicht nur, er ist da. Dieser Umstand wird in der Medienmitteilung mit keinem Wort erwähnt.
Doch schauen wir uns die Pressemitteilung mal genauer an. Mit grossem Vergnügen, mit kochender Hexenseele, werde ich zu einzelnen Aussagen Stellung beziehen.

«Der Bundesrat hat Verständnis für die Forderung der Initiantinnen und Initianten, dass Bund und Kantone sich weiterhin gemeinsam für genügend und gut qualifiziertes Pflegefachpersonal einsetzten müssen.»
Ich habe so was von genug von diesem gönnerhaften Schulterklopfen! Ich habe genug, von diesem Verständnis, dass doch nur Heuchelei ist. Jahrelang haben sich Pflegende mit diesen Lippenbekenntnissen abspeisen lassen. Sie haben stillgehalten, sie haben Betriebe aufrechterhalten, oft auf Kosten ihrer eigenen Gesundheit. Und was hat es ihnen gebracht? Die Politik verlässt sich darauf, dass die Pflegenden das weiterhin tun werden. Und lassen die Pflegenden mit ihren Problemen kläglich im Stich! Weder Bund noch Kantone schauen hin, was dieser Fachkräftemangel konkret bedeutet. 

«Die Ausbildungsabschlüsse in der beruflichen Grundbildung steigen.»
Und damit ist das Problem gelöst? Ja, die Abschlüsse in der Ausbildung Fachfrau/Fachmann Gesundheit steigen. Und es freut mich ausserordentlich, dass sich so viele junge Menschen für diese Ausbildung entscheiden. Doch dies alleine reicht nicht. Nicht jede FaGe wird auch Pflegefachperson. Einige entscheiden sich für ein anderes Studium, Ernährungsberatung HF, beispielsweise. Viele bleiben FaGe, häufig, weil sie nicht noch 2 Jahre weiterstudieren möchten, oder es ihre finanzielle Lage nicht zulässt. Und dann gibt es bedauerlicherweise auch noch jene, die schon nach dieser Grundausbildung aufgeben. Weil sie sich das nicht mehr antun wollen und können. Ich kenne die genauen Zahlen nicht, weiss aber, dass die höheren Fachschulen grösste Mühe haben ihre Klassen zu füllen. Dass der Bundesrat mit seiner Medienmitteilung vorgaukelt, dass schon genug getan wird, um dem Fachkräftemangel zu beheben, ist eine absolute Frechheit. Wäre dem so, hätte der SBK niemals die Mühen auf sich genommen, die Pflegeinitiative zu lancieren. 

«…sowie eine Kampagne, um das Image der Ausbildung und Karriere in der Langzeitpflege zu verbessern.»
Gerne würde ich dem Idi.. ähm netten Menschen, der diesen Satz geschrieben hat persönlich begegnen.
Pflegende in der Langzeitpflege brauchen keine Imagekampagne. Die Arbeit in der Langzeitpflege ist enorm vielseitig, spannend und absolut bereichernd. Mit dem Fachkräftemangel, den extremen personellen Einsparungen, dem ständigen am Limit laufen, ist die Langzeitpflege zu physischem und psychischem Höchstleistungssport verkommen. Notabene ohne die Chance, jemals zum Sportler des Jahres gewählt zu werden. Pflegende in der Langzeitpflege brauchen Massnahmen, die es ihnen ermöglichen, ihren Beruf auszuüben ohne die eigene Gesundheit riskieren zu müssen. 

«Weiter setzt sich der Bund dafür ein, dass Betriebe unterstützt werden, die ihre Arbeitsbedingungen attraktiver gestalten möchten.»
Die Betriebe werden also höflich gebeten, ob sie vielleicht eventuell ihre Arbeitsbedingungen verbessern möchten? Die Betriebe müssen in die Pflicht genommen werden, es ihren Pflegenden zu ermöglichen, ihre Arbeit so zu machen, wie sie es gelernt haben. Denn nur darum geht es den Pflegenden. Sie wollen keine Herzchen und Schleifchen und auch kein Silberbesteck. Sie wollen einzig ihren Beruf ausüben können. Und dies zum Wohle aller. 

«Der Bundesrat teilt die Ansicht des Initiativkomitees, dass die Pflege, wie die Hausarztmedizin, ein unverzichtbarer Bestandteil der medizinischen Grundversorgung ist. Er hält aber fest, dass der Verfassungsartikel zur medizinischen Grundversorgung (117a BV) für die von den Initiantinnen und Initianten geforderte Stärkung der Pflege durch Bund und Kantone im Rahmen der bestehenden Zuständigkeiten ausreicht.»
Dass dieser Artikel nicht ausreicht, haben die letzten Jahre eindrucksvoll bewiesen. Würde er ausreichen, um Bund und Kantone in Bewegung zu bringen, wäre der Fachkräftemangel und der daraus resultierende Pflegenotstand niemals so eskaliert. Mehr gibt es zu diesem Argument nicht zu sagen.

«Der Bundesrat ist darüber hinaus der Überzeugung, dass eine direkte Abrechnung von Pflegeleistungen zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) ohne koordinierende Massnahmen zu einer Mengenausweitung und damit zu unerwünschten Kostenentwicklungen im Gesundheitswesen führen dürfte.»
Herr Bundesrat Cassis lässt grüssen. Es macht mich so was von sauer, dass Pflegenden als erstes Geldgier unterstellt wird. Aber ich will es an einem Beispiel, welches Christina Hiltbrunner, Pflegefachfrau (EVP) schon gebracht hat erklären. Toilettentraining. Eine pflegerische und keine ärztliche Leistung. Schliesslich ist es die Pflegende, die a, die Inkontinenz feststellt, und b, ist sie es, die den individuellen Plan erstellt und durchführt. Um eben diese Leistung überhaupt bezahlt zu bekommen, benötigt sie die Verordnung eines Arztes. Und das soll noch effizient sein? Das soll kostengünstig sein? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das die Kosten im Gesundheitswesen nicht belastet. Und wenn wir dann schon über Mengenausweitung sprechen, sollte sich der Bund mal damit beschäftigen, wieviel Zeit Pflegende mit der Dokumentation von pflegerischen Massnahmen aufwendet, damit sie ihre Leistungen lückenlos belegen kann und von den Krankenkassen auch entsprechend bezahlt wird. 

«Hingegen hat der Bundesrat das EDI beauftragt, unter Einbezug der wichtigsten Akteure und des Initiativkomitees weitere Massnahmen zu prüfen und zu erarbeiten. Die berechtigten Anliegen der Initiantinnen und Initianten sollen im Rahmen der bestehenden Kompetenzen mit konkreten Lösungsansätzen aufgenommen werden.»
«Mit den wichtigsten Akteuren…» Das wird nicht stattfinden. Denn die wichtigsten Akteure sind die Pflegenden an der Basis, und die werden wohl kaum an einen Tisch gebeten werden. Wisst ihr, wovon ich träume? Dass die Pflegenden an er Basis endlich gefragt werden: «Was braucht ihr, dass ihr euren Beruf ausüben könnt?» 

Pflegehexerisches Fazit
Zwischen den Zeilen dieser Medienmitteilung lese ich vor allem eines: «Das kostet uns zu viel.» Und genau das, macht mich noch wütender. In einem Land, das Millionen für die Armee (wohlverstanden, ein Land, dass sich neutral nennt), das ebenfalls bereit ist, Millionen für eine Olympiade aufzubringen, ist auch Geld da, eine würdige Pflege zu ermöglichen.
Mit der Ablehnung des Bundesrats ist die Pflegeinitiative nicht vom Tisch. Auch das Parlament wird noch darüber beraten. Für die Pflege ist es ein wichtiger Schritt, dass überhaupt über sie gesprochen wird.
Ich erwarte jedoch auch da keine andere Haltung. Denn schon die Initiative Joder ( die weniger weit ging, als die Pflegeinitiative), fand keine Unterstützung.
Das letzte Wort werden die Stimmbürger haben. Ich hoffe darauf, dass diese mehr Herz und Verstand haben.

Eure Madame Malevizia

Dienstag, 27. Februar 2018

Geschichten einer Pflegehexe - Der Schlüssel


Meine Lieben,
Die ersten 4 Jahre meiner beruflichen Laufbahn verbrachte ich als Pflegefachfrau in einer Psychiatrischen Klinik. Ich arbeitete auf einer akuten geschlossenen Aufnahme. Mit der Somatik verglichen, entspricht dies ungefähr einer Intensivstation. Es geht um Leben und Tod. Auch bei Herrn Mon (Name geändert), ging es um nicht weniger.

Der Schlüssel
Herr Mon, war ein junger Mann, so um die 21 Jahre glaube ich. Eingewiesen wurde er wegen eines mutistischen Zustandsbildes. Das heisst, Herr Mon, sprach nicht mehr, sah nur noch durch einen hindurch. Es dauerte eine Weile, bis es möglich war, einen Kontakt zu ihm herzustellen und er wieder an der Aussenwelt teilnahm. Als Diagnose wurde eine starke Depression festgestellt. Herr Mon war eigentlich auf dem Weg der Besserung, aber noch immer schwer einzuschätzen, weshalb er auch noch keinen Ausgang hatte.
Es war in einem Spätdienst, als Herr Mon zu mir kam und mich um ein Gespräch bat. Soweit war dies nichts ungewöhnliches, obwohl Herr Mon bisher eher den Kontakt zu den männlichen Pflegenden gesucht hatte. Ich bat ihn also in unseren Gesprächsraum. Dieser war relativ gross, ein runder Tisch mit vielen Stühlen. Wir setzten uns und ich wartete. Einen Moment druckste er herum und ich dachte schon, ich müsste ihm wohl helfen, damit das Gespräch in Gang kommt. Dann blickte er mich mit seinen blauen Augen direkt an und sagte mit klarer Stimme: «Ich will, dass Sie mir Ihren Schlüssel geben.» Perplex blickte ich ihn an und nahm unbewusst meinen Schlüssel in die Hand. Er meinte jenen Schlüssel, mit dem die Station abgeschlossen wurde. «Was möchten Sie denn damit tun?» fragte ich. Dass er wahrscheinlich raus wollte, war mir klar. Aber was wollte er da draussen? Ging es darum, dass er sich eingesperrt fühlte und er deshalb raus wollte? In meinem Kopf überlegte ich mir Alternativen. Vielleicht könnte ich ein wenig Zeit rausschinden und mit ihm noch kurz spazieren gehen. «Ich will raus, weil ich mich jetzt umbringen will.» erklärte er, noch immer seelenruhig. Einen kurzen Augenblick war ich wie vom Donner gerührt. Ich fasste mich jedoch schnell. «Und wie stellen Sie sich das vor?» fragte ich. Meine Absicht war es heraus zu finden, wie weit seien Suizidpläne denn schon waren. Dies würde mir helfen abzuschätzen, wie gefährdet er wirklich war. «Sie geben mir den Schlüssel, ich gehe raus und unter den nächsten Zug.» sagte er. «Das kann ich nicht. Ich kann Ihnen meinen Schlüssel nicht einfach geben.» Das weitere Gespräch kann ich beim besten Willen nicht mehr wiedergeben. Minutenlang drehten wir uns im Kreis. Unsere Standpunkte hätten unterschiedlicher nicht sein können. Er wollte für sich den Tod, ich für ihn das Leben. Es hatte keinen Sinn, Herrn Mon auf sein jugendliches Alter und was er noch alles vor sich hatte, aufmerksam zu machen. Ich wusste, er wollte jetzt einfach sterben. Und hatte mich ausgesucht, ihm dabei zu helfen. Er wollte meinen Schlüssel und so von mir so etwas, wie die Erlaubnis, seine Pläne in die Tat umzusetzen. «Geben Sie mir den Schlüssel» forderte er wieder. Und ich schüttelte nur den Kopf. Ich würde das nicht zulassen. Herr Mon war ein heller Kopf. Und nicht nur das, er verfügte über ausgeprägte soziale Kompetenzen. Er hatte Potential, auch das Potential sich ein gutes Leben aufzubauen. «Ich werde um meinen Schlüssel kämpfen.» erklärte ich ihm fest. Im Wissen, dass ich ihm körperlich unterlegen war. Es war mein letzter Versuch, zu ihm durchzudringen. Leider ohne Erfolg. «Geben Sie ihn mir.» Ich glaube es war einzig seine gute Erziehung, die ihn daran hinderte, mir den Schlüssel mit Gewalt abzunehmen. Aber ich wollte es auch nicht länger darauf ankommen lassen. Ich löste den Alarm, welchen ich immer bei mir trug, aus. Innert Minuten waren weitere Pflegefachpersonen im Raum. In kurzen Sätzen erklärte ich, was sich zugetragen hatte. Der Dienstarzt wurde hinzugezogen. Auch dort äusserte Herr Mon seine Suizidabsichten. Er konnte keine Versprechen abgeben, dass er sich heute Nacht nichts antun würde. Auch nicht für die nächste Stunde oder auch nur für die nächsten 15 Minuten. Auf Reservemedikation ging er nicht ein. Er wollte sterben, heute. Aufgrund seiner hohen Selbstgefährdung, wurde Herr Mon schliesslich fixiert. Dabei ging er auch auf das Angebot der Reservemedikation ein. Herr Mon wehrte sich nicht, als er von meinen Kollegen und mir fixiert wurde. Aber seinen Blick, werde ich niemals vergessen. Ich hatte ihn zum Leben gezwungen. Und so hart es auch war, ich würde es auch heute wieder tun.
Einen Tag später erhielt ich von Herrn Mon einen Brief. Ich besitze ihn noch heute. Er entschuldigte sich, für sein Verhalten. Ein Satz, ist für mich bis heute der Wichtigste: «Man wird so egoistisch, wenn man sich das Leben nehmen will.» Dieser Satz erklärte mir eindrücklich, was die Theorie mit dem «Tunnelblick» meinte. Als ich später zu Herr Mon ging, der inzwischen aus der Fixation gelöst war erklärte ich ihm: «Sie müssen sich nicht bei mir entschuldigen. Sondern bei sich selbst. Sie wollten sich etwas antun, nicht mir.» Herr Mon. war schlussendlich froh, seine suizidale Krise überlebt zu haben. Er setzte alles daran, sich früher zu melden, wenn die suizidalen Gedanken kamen.
Ich weiss nicht, was aus ihm geworden ist. Aber, romantisch wie ich nun einmal bin, rede ich mir ein, dass er es geschafft hat. Dass er die Schatten der Depression in den Griff bekommen hat und das Potential seines Lebens ausschöpft.

Eure Madame Malevizia.

Freitag, 9. Februar 2018

Bis zum bitteren Ende





Meine Lieben,
Als Pflegehexe habe ich das Privileg selbst zu entscheiden, ob ich nett sein will oder nicht. Und in diesem Blog habe ich absolut keine Lust nett zu sein. Wer damit ein Problem hat, sollte jetzt aufhören zu lesen.
Das was ich in der letzten Zeit von Politikerinnen und Politikern zum Thema Gesundheitswesen gehört und gelesen habe, ich nicht nur eine Frechheit, es zeugt auch von absoluter Ignoranz und Arroganz. Jede und Jeder einzelne von ihnen schweigt beharrlich zum Fachkräftemangel. So, als wäre dieser Fakt überhaupt nicht existent.
Das einzige Thema, dass diese Damen und Herren kennen sind die Kosten. Aus ihren Mündern kommen Worte wie „Kosten senken, Effizienz, einsparen, Wirtschaftlichkeit“ Und jedes Mal könnte ich kotzen. Es mich unglaublich wütend. So wütend, dass ich schreien könnte. Kein einziger und auch keine einzige denkt das, was da herausgelassen wird auch nur ansatzweise zu Ende. Also übernehme ich das jetzt.

Beginnen wir mit:

„Ein Spital kann geführt werden, wie jedes andere Unternehmen.“
Also werden ab jetzt Patienten, die defizitär sind, weil ihre Behandlungszeit länger ist als der DRG es vorsieht, entlassen. Sie werden entweder von ihren Angehörigen abgeholt oder mit der Bahre aus dem Spital herausgefahren und dort, selbstverständlich nachdem die Bahre ausgekippt worden ist, ihrem Schicksal überlassen. Es werden wohl einige vor dem Spital elend verrecken. Die Toten werden dann von den Bestattern eingesammelt.
Ärzte und Pflegende machen nur noch genau das, wofür sie bezahlt werden. Eine Operation dauert länger? Wenn die bezahlte Zeit um ist, wird zugenäht. Es sei denn, der Patient hat Zusatzminuten bezahlt.
Überwachung auf Station? Nur auf Verordnung und streng nach Plan. Das Organisieren und Vernetzen der Interdisziplinären Dienste übernimmt die Pflege nur, wenn der Patient dafür bezahlt.
Bettwäsche, Inkontinenz- und Verbandmaterial: Alles ist abgezählt. Wer mehr benötigt muss bezahlen. Kann er dies nicht. Liegt er halt im Dreck oder riskiert eine Wundinfektion.

Gehen wir weiter zu:

„Bestimmte Eingriffe werden nur noch ambulant durchgeführt“
Da kann es halt schon mal passieren, dass die alte Dame nach der Darmspiegelung im Bus den Stuhlgang nicht halten kann. Oder weil sie von der Narkose noch etwas delirant ist, den Heimweg nicht mehr findet. Es kann auch sein, dass ein  junger Mann nach einer Leistenbruch – OP zuhause stirbt. Weil niemand ihn mehr überwacht und so eine Nachblutung unbemerkt bleibt.

Und enden wir mit: 

„Die Untersuchung darf nicht länger als 30min dauern.“
Wenn in dieser Zeit nicht herausgefunden werden kann, was den Menschen krank macht, ist das wohl Pech. Behandelt wird dann mal ins Blaue hinein. Irgendein Medikament wird schon helfen. Oder es wird mal operiert. Und wenn alles nichts nützt. Ja, dann stirbt der Mensch auch. Für Kinder gibt es da übrigens keine Ausnahme.
Besorgten Angehörigen und verängstigten Eltern, werden die Untersuchungsergebnisse nur erklärt, wenn von den 30min noch Zeit übrig ist.

Ihr findet meine Schilderungen bizarr und widerlich? Ja ich auch. Ich habe jedoch nur zu Ende gedacht, was Politikerinnen und Politiker in unserem Land zum Thema Gesundheitswesen sagen und tun. Dabei vergessen diese eines konsequent: Menschlichkeit und Ethik.
Jetzt, wo ich das alles niedergeschrieben habe, bin ich nicht mehr wütend. Ich bin traurig. Traurig darüber, dass ein so reiches Land, das seine eigenen hohen Wertvorstellungen und ihre Moral immer wieder betont, die Menschenwürde aufs Spiel setzt. Und das auch noch für Geld.
Meine Lieben, ich werde nicht aufhören, für ein menschenwürdiges Gesundheitswesen einzustehen.

Eure Madame Malevizia