Sonntag, 5. Februar 2017

Dear Mr. Bundesrat

Januar 2017

Werter Herr Bundesrat Alain Berset

Kennen Sie das Lied „Dear Mr. President“ von Pink? Es ist vom Jahr 2011. Darin lädt sie den amtierenden US – Präsidenten zu einem Spaziergang ein und stellt ihm einige Fragen. Auch ich habe Fragen, Fragen einer Pflegehexe an den Vorsteher des eidgenössischen Departement des Innern, welches auch für das Gesundheitswesen zuständig ist. Ich frage Sie:
·        Ist Ihnen bewusst, wie hoch der Leidensdruck sein muss wenn eine so duldsame Berufsgruppe wie die Pflege sich zusammenschliesst und eine Initiative lanciert?

·        Wie kann es passieren, dass die Leistunden einer so grossen Berufsgruppe wie die Pflege in den DRGs nicht einmal ansatzweise abgebildet sind?

·        Können Sie sich vorstellen, wie erniedrigend es für Pflegende ist, jeden Handgriff nachweisen zu müssen? Ja, die Krankenkassen sollen wissen, wofür sie bezahlen. Es führt jedoch zu weit, wenn Pflegende dokumentieren müssen, dass sie einem Patienten die Hose herunterziehen, bevor sie eine Inkontinenzeinlage wechseln.

·        Können Sie sich vorstellen, dass es für Pflegende ein Ärgernis darstellt, wenn ständig von der Kostenexplosion im Gesundheitswesen gesprochen wird, sie selbst jedoch nichts von diesem Geld sehen und sich an ihrer schwierigen Lage nichts ändert?

Werter Herr Bundesrat Berset, Pink lädt den Präsidenten zu einem Spaziergang ein. Ich lade Sie ein, eine Woche in den Schuhen einer Pflegenden zu gehen. Erst dann werden Sie auch nur ansatzweise verstehen, in welchen Spannungsfeldern sich Pflegende tagtäglich bewegen. Erst dann werden Sie erfassen, welch hohe kognitive, physische und psychische Anforderungen der Beruf stellt.
Nur so werden Sie ansatzweise verstehen, was für Menschen sich diesen Beruf aussuchen.
 Keine Studie, keine Befragung kann Ihnen mehr Anhaltspunkte dazu geben, wie Pflegende länger im Beruf gehalten werden können, als eine Woche in den Schuhen einer Pflegenden zu gehen.

Nun wünsche ich Ihnen Gesundheit, sie ist das höchste Gut, das keiner kaufen kann.

Freundliche Grüsse

Madame Malevizia

Ps. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass dieser Brief sowie eine allfällige Antwort auf meiner Homepage sowie meiner Facebook- Sete veröffentlicht wird.



Mittwoch, 25. Januar 2017

Warum ich die Pflegeinitiative unterstütze - oder um was es wirklich geht


Ihr Lieben,
Mir war nicht bewusst, dass in der Schweiz Zahlen so wichtig sind. Für mich sind sie es nicht. Vielleicht liegt es daran, dass Mathematik niemals zu meinen Lieblingsfächern gehörte. Eher im Gegenteil. Oder, wie eine Arbeitskollegin einmal sagte: Ich bin nicht Pflegefachfrau geworden, weil ich besonders gut im Rechnen bin.
In den Medienberichten, wie auch in den Voten der meisten Politiker zur Pflegeinitiative, ging es fast ausschliesslich um Zahlen. Es geht aber um etwas völlig anderes.
Es geht um Menschenleben.
Der Zeitdruck auf die Pflege steigt täglich. Immer mehr Patienten müssen in immer weniger Zeit betreut werden. Wie schnell ist da ein Fehler passiert. Wie schnell ein Name verwechselt, sei es nun der eines Patienten oder eines Medikamentes. Wie schnell ist die Tropfgeschwindigkeit falsch errechnet und somit auch die Dosierung über 24 Stunden falsch.
Es sind die Pflegenden, die im Akutspital am meisten am Patientenbett stehen. Sie sind es, denen erste Anzeichen einer Veränderung des Gesundheitszustandes der Patienten auffallen. Sie sind die erste Ansprechperson für Patienten und ihre Angehörigen. Wenn die Zahl der Pflegefachpersonen weiter sinkt, werden diese wichtigen Beobachtungen weiter sinken
In den Psychiatrien sind es die Pflegefachpersonen, die Krisen früh erkennen und intervenieren können. Sie sind es, die Patienten in Krise, sei sie depressiv, emotional instabil, manisch oder psychotisch, zurück ins Leben begleiten. Sie sind es, die als erste reagieren müssen, wenn Patienten selbst- oder fremdgefährdend sind. Dies gelingt nur, wenn die Pflegefachpersonen tragfähige Beziehungen zu den Patienten aufbauen können. Und das braucht Zeit und Erfahrung.
In den Pflegeheimen sind die Pflegefachpersonen häufig auf sich allein gestellt. Sie sind es, die dementen Bewohnern jene Sicherheit geben, die sie brauchen, um zur Ruhe zu kommen. Sie sind es, die sich um die Grundbedürfnisse der betagten und pflegebedürftigen Menschen kümmern. Sie sind es, die durch Lagerung, konsequente Hautpflege und Hautkontrolle dafür sorgen, dass Bettlägerige keine Dekubiti entwickeln. Sie sind es, die mit fachgerechter Mobilisation Kontrakturen oder Stürze verhindern. Wenn die Anzahl von Pflegefachpersonen noch weiter sinkt, wird in Pflegeheimen der wahre existentielle Notstand ausbrechen.
Es geht um die Würde jener, die auf Pflege und Betreuung, egal welcher Couleur angewiesen sind.
Wenn im Akutspital Patienten in ihrem Erbrochenen, im eigenen Blut liegen gelassen werden müssen, ein anderer Patient sich vor Schmerzen windet, und die einzige Pflegende auf der Station einen deliranten Patienten vor sich selbst schützen muss, steht die Würde auf dem Spiel. Es sind die Pflegefachpersonen, die sich dafür stark machen, dass der Patient noch als ganzer Mensch und nicht nur als „die Gallenblase“ oder „die Hüftfraktur“ gesehen wird. Sie hält die Fäden in der Hand. Ist Ansprechperson für Ärzte, Physiotherapie oder Ernährungsberatung. Wenn diese „Vernetzung“ wegbricht, werden schwer kranke Patienten mit vielen ihrer Probleme alleine gelassen, weil sich niemand mehr zuständig fühlt.
Wenn im Pflegeheim eine Pflegende zwei Bewohnern gleichzeitig das Essen anreichen muss und das bitte in höchstens 30 Minunten, wenn demente Bewohner nicht mehr regelmässig zur Toilette geführt werden können und stattdessen einfach eine Inkontinenzeinlage angezogen bekommen, wo ist die Würde dann? Noch geben Pflegende alles, um diese Szenarien zu vermeiden. Es sind die Pflegefachpersonen, die ihren Bewohnern auch im Sterben beistehen und ihnen ein würdevolles Sterben ermöglichen. Dass auch noch in 10 Jahren Pflegefachpersonen einem Menschen diesen Dienst erweisen können, darum geht es.
Es geht um die Seelen der Pflegefachpersonen
„Ausgebrannte Pflegende bringen keine Wärme mehr; wem nützt ein Leuchtturm, wenn die Lampe nicht brennt?“ Das sagte Liliane Juchli einst. Der Beruf verlangt viel von den Pflegefachpersonen. Er ist körperlich anstrengend, die Arbeitszeiten sind unregelmässig, und Überzeiten garantiert. Pflegefachpersonen sehen viel Leid: Patienten werden mit schweren Krankheiten, Ängsten, Schmerzen und anderen körperlichen Einschränkungen konfrontiert, Angehörige fürchten um das Leben ihrer Liebsten oder müssen sogar deren Tod akzeptieren. Auch Tod und Sterben sind nicht einfach anzusehen. Schon heute brennen viele Pflegefachpersonen aus und können den von ihnen geliebten Beruf nie wieder ausüben. Wird es Pflegenden nicht bald erleichtert, ihr eigenes Licht zu schützen und zu pflegen, werden noch mehr Leuchttürme für immer erlöschen.
Darum und nur darum geht es in der Pflegeinitiative. Deshalb unterstütze ich sie mit all meiner zur Verfügung stehenden Kraft.
Mehr als 11.000 Menschen haben die Pflegeinitiative bereits unterschrieben, ihnen danke ich von ganzem Herzen. Jene, die es noch nicht getan haben, bitte ich, es zu tun. Helfen Sie mit, der Pflege eine Stimme zu geben!

Eure Madame Malevizia. 

Donnerstag, 19. Januar 2017

Stellungnahme zu einigen Kommentaren im Tagesanzeiger vom 18.1.17. zum Bericht„Der Pflegenotstand droht“


Stellungnahme zu einigen Kommentaren im Tagesanzeiger vom 18.1.17. zum Bericht„Der Pflegenotstand droht“
Bevor ich zu den Kommentaren Stellung beziehe, erst einmal ein paar Worte zum Artikel selbst: Der Pflegenotstand droht nicht nur, er ist bereits da. Ich sehe ihn als bereits eingetreten, wenn Psychiatriefachpersonen ihre Patienten mit Medikamenten sedieren müssen, um ihre Sicherheit gewährleisten zu können. Wenn sie es nicht tun, sind ihre Patienten an Leib und Leben gefährdet. Weil ihnen die Zeit für gezielte Kriseninterventionen fehlt. Der Pflegenotstand ist da, wenn ein Patient sich über 30 Minuten vor Schmerzen im Bett wälzen muss, weil sich die Pflegefachperson gerade um einen Patienten kümmern muss, der an seinen inneren Blutungen zu versterben droht. Es gibt kein anderes Wort als Pflegenotstand, wenn die Pflegefachperson im Pflegeheim entscheiden muss, ob sie entweder eine Bewohnerin solange in ihren Exkrementen liegen lässt, bis sie damit fertig ist, die andere Bewohnerin mit starker Schluckstörung beim Essen zu unterstützen, oder diese Patientin um ihre Mahlzeit betrügt, weil diese später zu müde sein wird.
Die Pflegeinitiative will nicht den Pflegenotstand verhindern, sie will verhindern, dass der Pflegenotstand zur Pflegekatastrophe wird.
Der Bericht liefert zuverlässig die Zahlen, die offenbar in der Öffentlichkeit als so wichtig angesehen werden. Wer sie einigermassen aufmerksam liest, erkennt, dass  da ein Problem vorliegt. Danke dafür.
Nun zur Diskussion:
Die häufigsten Kommentare beziehen sich auf die Kosten. Bereits bei der Medienkonferenz des Initiativkomitees am 17.1.17, sowie anderen Berichten, wird vor allem eine Frage gestellt: Was wird das kosten?
Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung.
Aber ich weiss, was es kosten wird, wenn die Initiative nicht zustande kommt oder abgelehnt wird: Menschenleben, die Würde jener, die auf pflegerische Unterstützung, egal welcher Couleur angewiesen sind und die Seelen der Pflegenden.

Ich nehme mir die Freiheit einige Kommentare herauszupicken und direkt dazu Stellung zu nehmen. Ich habe sie ausgewählt, weil sie jene ethisch–moralischen Fragen aufwerfen, denen sich die Schweiz, und vor allem unsere Politiker, im Zusammenhang mit der Pflegeinitiative stellen muss. Jeder Kommentar hätte Potential für einen eigenen Blog. In dieser Stellungnahme möchte ich mich jedoch kurz halten.

„Wir werden immer gesünder älter. Exit hat auch eine enorme Zuwachsrate. Ich kenne niemand in meinem Umfeld, der/die ein Altersheim zu Exit bevorzugt. Das Recht auf Exit muss ausgebaut werden.
Heute wird diktatorisch über das Leben von den Alten bestimmt. Viele die in den Altenheimen über Jahre und Jahrzehnte dahinvegetieren, würden wohl lieber sterben und dürfen nicht. Und warum umbringen? Exit ist eine persönliche Entscheidung, und sollte von einer Handlungsfähigen Person, eigentlich immer zur Verfügung stehen.“
Nina Klein
Ich finde es traurig, dass die Angst vor Abhängigkeit, die Angst vor dem Unterversorgt sein, Menschen zur Entscheidung für Exit bringt. Das Recht auf Exit auszubauen, kann nicht unsere Antwort auf den Fachkräftemangel sein. Der Grat zwischen „freier Entscheidung“ und „Eutanasie“ wie zu sehr dunklen Zeiten in Deutschland ist extrem schmal.

„Das wäre doch ein neues Betätigungsfeld für die Unmengen an ausgesteuerten über 50 Jährigen? Umschulen auf Pflegeberufe, verpflichten bis zur Pensionierung auf dem Beruf zu arbeiten, sonst Aufkommen für die Weiterbildungskosten. Schliesslich wollen wir keine Einwanderung, aber jemand muss den Job machen.“
Hans Meier
Wenn es Arbeitslose gibt, die sich diesen Beruf vorstellen können, bin ich absolut dafür, diese auch entsprechend zu fördern. Darauf zielt die Pflegeinitiative auch ab. Eine „Zwangsrekrutierung“ wie sie Hans Meier vorschlägt ist jedoch nicht zielführend. Pflegefachperson sein muss man wollen, sonst leidet nicht nur der „Zwangsrekrutierte“ selbst, sondern auch die Patienten.




„Die Akademisierung der Pflegeberufe trägt stark zum Mangel an Fachkräften bei. Personen, die vom Charakter und ihrer Empathie her sehr geeignet wären, sind wegen der überspitzten schulischen Anforderungen ausgeschlossen. Die hochgebildeten, pflegerisch ahnungslosen Pflegeakademikerinnen sind sich zudem zu schade für die Arbeit an den Patienten.“
Ernst Boller
Empathie und Charakter alleine reichen nicht. Es braucht Kopf, Herz und Hand. Es ist jedoch auch heute noch möglich, mit einem Realschulabschluss die Ausbildung zur Pflegefachperson zu machen. Ja, es braucht einen langen Atem, aber keinen längeren als damals, als ich diesen Weg (mit Realschulabschluss) gegangen bin.
In der Praxis begegne ich vielen Pflegefachpersonen FH (Bachelorabschluss). Ich begegne ihnen am Patientenbett, wo sie sich um hochkomplexe Patientensituationen kümmern, ich kann sie fragen, wenn ich etwas nicht weiss, ich kann mich mit ihnen beraten. Studierende FH entscheiden sich meist bewusst für das Pflegestudium, weil sie praktisch arbeiten wollen und nicht irgendwo in einem Kämmerchen verstauben.
Ebenso wichtig sind jedoch die Pflegefachpersonen mit Masterabschlüssen, welche Studien durchführen. Wer soll uns die Zahlen (die ja in der Schweiz so wichtig sind) liefern, wenn nicht sie? Wer soll gegenüber Krankenkassen belegen können, welche pflegerischen Interventionen wirksam sind, wenn nicht sie?

Der Kostendruck in den Spitälern ist ein weiteres Kapitel. Es darf nur noch husch-husch das Nötigste gemacht werden. Das verleidet den Job ganz gründlich.
Ernst Boller
Da gebe ich Herrn Boller absolut recht. Auch ich frage mich, wo dieses Geld eigentlich hingeht, in die Pflege jedenfalls nicht! Die Pflegeinitiative will auch vor allem eines: Das Pflegefachpersonen ihren Job wieder machen können, wie sie es auch gelernt haben.




Die Veränderungen der letzten Jahre im Berufsbild der Pflegenden waren gar nicht förderlich. Im Gegenteil. Schon die aktuellen Berufsbezeichnung widerspiegeln ganz klar das schiefe Bild. Was war denn an den Bezeichnungen "Krankenschwester" oder "Pfleger" so falsch?
Ernst Boller
Der Titel „Schwester“ ist den Ordensschwestern vorbehalten. Sie sind allein stehend, und kinderlos. Pflegefachpersonen können verheiratet, liiert, verliebt alleinstehend, mit Kindern und ohne Kinder sein.
Der Titel „Krankenschwester“ impliziert vor allem den „dienenden“ Aspekt des Berufes. Das ist er jedoch schon lange nicht mehr. Pflegefachperson ist eine Profession, die viel Wissen und sehr viel Eigenständigkeit braucht.

„Das Modell FAGE / HF ist einen Schuss in den Ofen.“
Beat Weiss
Leider fehlt mir hier die Begründung, warum Herr Weiss dieser Meinung ist. Das Modell FAGE/HF wurde erstellt, als die Pflegeausbildungen vom SRK ins BBT gewechselt haben. Ich sehe darin vor allem einen Vorteil: Schulabgänger haben die Möglichkeit ohne Umwege einzusteigen und haben dann nach 3 Jahren auch etwas in der Hand. Im vorherigen Model, mussten zuerst Praktikas sowie weiterführende Schulen absolviert werden, bevor mit der Ausbildung begonnen werden konnte.

„Was der Pflege in der Schweiz fehlt, ist das selbständige Handeln. (wie USA). Für jeden Pfupf braucht es hier eine ärztliche Verordnung, das ist völliger Unsinn und hat mehr mit Standesdünkel, denn mit Fachwissen zu tun. Manche Pflegefachfrau, speziell der ältern Sorte (AKP, war die beste Ausbildung) weiss medizinisch viel mehr und kann Zusammenhänge erkennen, als die eingebildeten Mediziner.“
Beat Weiss
Genau das will die Pflegeinitiative ändern. Pflegefachpersonen soll jene Kompetenz und jene Verantwortung zugesprochen werden, welche sie schon längst innehaben. In der Zusammenarbeit mit den Medizinern braucht es eine Partnerschaft auf Augenhöhe und keine Konkurrenz.

„Und früher wurde auch mehr von den Angehörigen erledigt. Aber wenn die Gemeinde oder die Krankenversicherung zahlt, ist das ja bequemer für die Familie... „
Anke Sach
Es gibt viele pflegende Angehörige. Sie haben unseren Respekt und Unterstützung verdient. Dies ist jedoch eine andere Baustelle.
Ja, früher wurde viel mehr von den Angehörigen übernommen. Dies wurde zunehmend den Pflegenden abdelegiert. Da aber die meisten auch berufstätig sind, stehen Angehörigen heute auch weniger Ressourcen zur Verfügung.

Lustig ist, dass die halbe Welt uns erzählen will, Arbeiter und Angestellte werden bald einmal durch Roboter ersetzt. Nur in der Pflege scheint der technische Fortschritt (zumindest in den Köpfen der Initianten) völlig vorbei zu gehen.
Rolf Rothacher
Ja, das will man uns auch bezüglich Pflege erzählen. Aber bis jetzt hat mir noch nie jemand schlüssig erklären können, wie um Gottes Willen das umgesetzt werden soll. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Roboter die Suizidalität eines Menschen einschätzen kann und mit einem Krisengespräch eine solche persönliche Katastrophe verhindern kann. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Roboter, ein Antibiotika korrekt auflösen und einem Patienten i/v verabreichen kann. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Roboter eine demente Person ganzheitlich versorgen kann. Ich entschuldige mich ganz offen für meine Begrenztheit, aber bis jetzt hat mir das noch kein Roboter vorgemacht.



„Okay, die Pflege hat es verstanden, die Anforderungen an die Mitarbeitenden ständig höher zu schrauben. Während jede Mutter ihrem Kind Salbe und Pflaster auf eine kleine Wunde tun darf, braucht es in der Pflege Arzt und Diplomierte Fachkraft. Wir leiden nicht an einem Fachkräftemangel, sondern an einem Perfektionierungswahn, der auf Dauer unbezahlbar sein wird.“
Rolf Rothacher
Es ist nicht die Pflege, welche diese Anforderungen hochgeschraubt hat. Es ist die zunehmende Komplexität der Fälle. Einem gesunden Kind eine Salbe und ein Pflaster auf eine Wunde tun kann jeder. Anders sieht es aus, wenn Krankheiten die Wundheilung negativ beeinflussen. Dann reicht eine einfache Salbe nicht mehr. Es geht bei der Pflegeinitiative nicht um eine Perfektionierung, sondern darum, dass Pflegefachpersonen ihren Job so machen können, wie sie es auch gelernt haben.

„Die massive Zuwanderung bewirkt ja gerade, dass wir eine massive Zuwanderung benötigen. Ergo ist es eminent wichtig sich diesem Thema anzunehmen. Die Zuwanderung potenziert sich selbst nach oben und verursacht eben, dass wir in gewissen Bereichen massiv ausbauen müssen.“
Ivo Steinmann
Es war klar, dass wir auch bei der Pflegeinitiative von diesem Thema nicht verschont bleiben. Ich werde hier ein einziges Mal darauf eingehen, mehr ist es mir auch nicht wert. Es sind „unsere“ Kranken, Invaliden, Gebrechlichen um die es hier geht! Auch wenn man alle „ausländischen Kranken Invaliden, Gebrechlichen,“ ausschaffen würde, an der Thematik der Pflegeinitiative würde das nichts ändern!

„Eigentlich ist es schon länger erkannt, es geht nicht vorwärts. Manchmal denke ich, dass hat System. Die Hauptthemen in der CH, sind meiner Meinung nach, nicht die dringendsten (Umwelt, alternde Gesellschaft, Pflegekosten etc.), sondern die Lieblingsthemen der WutbürgerInnen: Burkas, Kündigung der EMRK, MEI.... - Ist das nicht Ablenkungspolitik?“
P. Pavelis vor 10 Std.
Ja, es ist schon lange erkannt, und bis auf wenige Ausnahmen bisher von der Politik aktiv ignoriert. Die Schweiz sollte sich fragen, wie es soweit kommen kann, dass eine so duldsame Berufsgruppe wie die Pflege eine Initiative startet. Die von Herrn Pavelis angesprochenen Lieblingsthemen sind einfacher anzugehen. Es gibt da Ja oder nein und links oder rechts. Beim Pflegenotstand werden andere Fragen aufgeworfen, die nicht so einfach zu beantworten sind.
Dies ist wohl der längste Blog den ich je geschrieben habe. Ich danke allen, die ihn bis hierher gelesen haben, und sich die Zeit dazu genommen haben.
Bitte, unterschreibt die Pflegeinitiative! Es ist mir ein persönliches Anliegen!

Danke vielmal
Eure Madame Malevizia.



Freitag, 23. Dezember 2016

Weihnachten


(Krippengestaltung: Marlise Fessler/ Foto Peter Fessler)

Krippenspiele, Weihnachtskonzerte, Weihnachtsessen, da geht man hin. Alle Geschenke eingekauft und verpackt? Das gehört sich so. Noch schnell mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein herunterkippen. Das muss sein. Sich mit Unmengen von Nahrungsmitteln zudecken. An Weihnachten darf es an nichts fehlen.
An Weihnachten sitzt man dann an der reichgedeckten Tafel. Es sieht aus, wie in einem der unzähligen Werbefilmen, die uns genau gesagt haben, was es braucht, dass Weihnachten perfekt wird. Aber es ist nicht perfekt, etwas fehlt. Etwas haben wir vergessen.
Vergessen wir all jene Menschen, die in Not sind, auf der Flucht, um ihr Leben fürchten, frieren, Hunger und Durst haben? Die Einsamen, jene die im Spital um ihr Leben kämpfen, deren Angehörigen, die Angst haben und hilflos dem Leiden zusehen müssen. Nein, die haben wir keinesfalls vergessen, schliesslich haben wir gespendet. Aber haben diese Menschen so wirklich auch Weihnachten?
Einige fragen sich jetzt bestimmt, was will die, will sie Weihnachten absagen? Wer mich kennt, weiss, dass ich Weihnachten liebe. Die Farben, die Gerüche, die Geräusche. Und ich denke, dass Weihnachten immer das ist, was wir daraus machen. Ich kann mich von all den Normen, was an Weihnachten alles sein muss, vereinnahmen lassen, oder auch bewusst einen Schritt zurück machen.
Oft habe ich das Gefühl, dass in diesem ganzen Konsumwahn und dem ganzen Pflichtprogramm in Vergessenheit geraten ist, was Weihnachten eigentlich ist. Das Fest der Familie, das Fest der Liebe?
Am Anfang stand ein Kind, in einem Stall geboren. Ja, meine Lieben, ich komme tatsächlich mit der Religion, Und nein, ich will niemanden bekehren. Aber an Weihnachten ist ein Kind geboren, von dem man glaubte, dass es Frieden in die Weilt bringen würde. Mit ihm ist an Weihnachten ein Licht aufgegangen, das Hoffnung brachte. Und nur mit dieser Hoffnung macht Weihnachten Sinn. Nur mit dieser Hoffnung kann für alle Weihnachten werden.
Ich wünsche Euch, dass auch in Euren Herzen an Weihnachten das Licht der Hoffnung sich entzündet.

Eure Madame Malevizia.

Freitag, 9. Dezember 2016

Ich träume...


Ich träume von Pflegenden, die selbstbewusst für sich, und für die ihnen anvertrauten Menschen einstehen.
Pflegende die für sich einstehen, kennen ihre Rechte und Pflichten und handeln danach. Zu lange haben Pflegende zugelassen, dass auf ihrem Rücken gespart wird. Zu lange haben Pflegende Arbeiten übernommen, die nicht in ihren Bereich gehören, und in keiner Berechnung des Stellenetats vorkommen. Zu lange haben sie sich einreden lassen, dass sie es sind, die das Problem des Personalmangels mit Zusatzschichten, täglichen Überstunden und nicht Einhalten von Ruhezeiten lösen müssen. Pflegende haben Macht. Sie sind rar und überall gefragt. Es ist nicht notwendig in einer Institution zu arbeiten, die Pflegenden nicht den Respekt entgegenbringt den sie verdient.
Pflegende, die für ihre Patienten, Bewohner, Klienten einstehen, lassen sich nicht vorgeben, wieviel Zeit sie für die Pflege benötigen. Denn kein Patient/Bewohner/Patient ist gleich und keiner entspricht dem Standard. Diese Pflegenden lassen auch nicht zu, dass Material, wie z.B Inkontinenzeinlagen limitiert werden. Und dabei ist es völlig gleichgültig, wie dies Zustande kommt. Pflegende, die für die ihnen anvertrauten Menschen einstehen, bleiben hartnäckig wenn es um die Gesundheit dieser geht. Sie lassen sich nicht von gestressten Ärzten abspeisen oder abwimmeln. Denn auch dieser Stress ist nicht in der Verantwortung der Pflegenden und somit auch nicht ihre Baustelle.  Sie wissen, wann sie die Verantwortung für die Unversehrtheit der ihnen Anvertrauten nicht mehr tragen können und kommunizieren das ganz klar.

Ich träume von Arbeitgebern, die den Wert ihrer Pflegenden kennen und sich dafür einsetzen, diese bei sich zu halten.
Arbeitgebern muss bewusst sein, dass ihr höchstes Gut die Pflegenden sind. Pflegende sind selten geworden und müssten deshalb eigentlich unter Naturschutz gestellt werden. Wollen Arbeitgeber ihre Pflegenden bei sich behalten müssen sie damit aufhören, Pflegenden Aufgaben aufzudrücken, die nicht in ihren Bereich gehören. Sie müssen anfangen, sich dafür zu interessieren, was Pflegende brauchen, indem sie jeden einzelnen danach fragen.

Ich träume von Politikern, die sich bewusst sind, dass es im Gesundheitswesen um mehr geht, als um Geld.
Wenn es um das Gesundheitswesen geht, kann nicht nur mit Zahlen argumentiert werden. Anders als ein anderes Unternehmen können Gesundheitseinrichtungen, vor allem Spitäler „Aufträge“ nicht einfach ablehnen. Wenn sie das tun, sterben Menschen. Die Politik darf sich nicht länger davor drücken, sich auch ethischen Fragen zu stellen. Es geht nicht nur um Leben und Tod, sondern um wie leben und wie sterben.

Ihr könnt sagen, ich sei eine Träumerin…
Ja, das stimmt, ich träume. Aber ausser mir, haben auch schon andere geträumt. Zum Beispiel Martin Luther King. Als er träumte, war er ein schwarzer Priester, ein kleines Licht. Heute wissen wir, wieviel sein Traum bewegt hat.
Lasst uns gemeinsam träumen und so etwas in Bewegung bringen. Dazu müsst ihr nicht alle den Hexenhut aufsetzen und eine Homepage eröffnen; Obwohl ich mich über Gesellschaft durchaus freuen würde. Es gibt auch kleinere Dinge, die Pflegende tun können, um diese Träume wahr werden zu lassen:
-          die Initiative „Für eine starke Pflege“ unterschreiben
-          Unterschriften für die Initiative sammeln
-          Meine Seite auf Facebook liken
-          Meine Beiträge teilen
-          die eigenen Rechte wahrnehmen
-          Arbeitgeber verlassen, die Pflegenden nicht jene Wertschätzung geben, die sie verdient haben
-          Angehörige/ Freunde über die Situation in der Pflege informieren
-          Von der Arbeit erzählen
-          Leserbriefe zum Thema schreiben
-          Verantwortungen, die nicht zur Pflege gehören auch nicht mehr übernehmen
-          die eigene Verantwortung wahrnehmen

Ich möchte schliessen, mit den Worten der amerikanischen Ethnologin  Margaret Mead (1901 – 1978):
„Man sollte nie dem Glauben verfallen, dass eine kleine Gruppe ideenreicher, engagierter Leute könnte die Welt nicht ändern. Tatsächlich wurde sie nie von etwas anderem geändert.“


Eure Madame Malevizia

Dienstag, 29. November 2016

Die Höhen und Tiefen eines kinderlosen Lebensweges (Ein kinderloser Lebensweg Teil 2)



Im Oktober 2014 habe ich meinen Blog „Ein kinderloser Lebensweg“ veröffentlicht und ein Tabu gebrochen. Meinen Weg bin ich seit dem weiter gegangen. Und heute breche ich ein weiteres Tabu. Ich spreche über die Folgen von Mobbing in der Schulzeit. Als ich zur Schule ging, gab es dieses Wort noch nicht. Passiert ist es trotzdem. In diesem Blog geht es nicht darum, anzuklagen. Es ist der Bericht eines wichtigen Teiles meines Lebenswegs.

Dieser Weg, wird kein leichter sein
Mein Plan war es, wenn ich schon keine Kinder bekommen könnte, in meinem Beruf Vollgas zu geben, sprich Karriere zu machen. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Ich wagte also im März 2015 den Schritt von der Psychosomatik in die Somatik, genauer gesagt in die Viszeralchirurgie. Der Einstieg war hart. Das fremde Gebiet, die anderen Strukturen, die Hektik, die andere Dynamik des Teams. Diese andere Dynamik war es, die mich plötzlich blockierte. Ich stand immer mehr neben mir, konnte kaum denken, machte Fehler und brachte Dinge nicht zu Ende. Keiner meiner neuen Teammitglieder behandelte mich schlecht, aber manchmal glaubte ich die Ungeduld zu spüren. Auch wenn ich frei hatte, ging es mir nicht gut. Eine Leere lähmte mich, ich fühlte mich ständig einsam und ein Gefühl der Unzulänglichkeit machte sich breit. Erst als mein Unterbewusstsein Bilder und Geräusche aus meiner Schulzeit hochspülte, wurde mir klar, was mit mir geschah: In gewissen Situationen fühlte und reagierte ich wie mein ca 14jähriges Ich. Dieses Ich war gequält, resigniert und traumatisiert. Ich hatte geglaubt, mein Trauma mit der Bearbeitung vor 10 Jahren überwunden zu haben. So war ich einigermassen überrascht, dass mich diese Szenen jetzt noch einmal mit aller Heftigkeit überrollten und mich daran hinderten, den von mir gewählten Weg zu gehen.

Dieser Weg wird steinig und schwer
Schnell war mir klar, dass ich dieses Thema nicht alleine bewältigen konnte. Mein Weg führte mich also wieder zu Esther Quarroz. Sie schlug mir Lösungsorientiertes Malen vor. Was auf den ersten Blick merkwürdig klingt, war für mich die richtige Therapie. Ich musste nochmals da durch, um meine damaligen Gefühle einordnen zu können, um selbst zu begreifen, wie schlimm meine Erlebnisse waren und sie dann dort zu lassen. Frau Quarroz war dabei meine Zeugin und meine Anwältin. An eine Aussage von ihr kann ich mich noch ganz genau erinnern: „Nicht Sie als Opfer und Kind, noch die Täter, die ebenfalls Kinder waren, tragen für das Geschehene die Verantwortung, sondern die Erwachsenen, namentlich die Lehrer. Es war und ist an ihnen, Kindern beizubringen, dass man so etwas nicht macht.“ Für mich war es eine grosse Erleichterung das von ihr zu hören. Während des Malens konnte ich herausfinden, was ich als letztes sah, bevor ich dissozierte: den Rand meiner Brille. Eine wichtige Erkenntnis, die es mir möglich machte, in der Realität zu bleiben. Während des Malens überkam mich immer wieder Übelkeit, die ich von meiner Schulzeit her kannte. Und ich fror, bis in die Knochen, egal wie warm es um mich herum war. Beides konnte ich nun einordnen. Ich akzeptierte sie als Symptome meines Heilungsprozesses. Ganz Pflegefachfrau konzentrierte ich mich auf das Symptommanagment.

Nicht mit vielen, wirst du dir einig sein.
Meine Gesellschaft war in dieser Zeit nicht gerade aufbauend. Immer wieder rutschte ich in das 14jährige Ich, weinte und jammerte, fühlte mich unverstanden und einsam. Eine Freundschaft hat dies nicht ausgehalten. Diese Freundin wählte den Beziehungsabbruch, ich konnte nichts dagegen tun.
Ich hatte aber auch ganz grosse Unterstützung. Anna war es, die mir dabei half im Alltag zu erkennen, wenn sich meine Gefühle vermischten. Sie erinnerte mich dann liebevoll, aber unnachgiebig an meine Ressourcen und Strategien. Dafür auch hier nochmal Danke!

Denn dieses Leben bietet so viel mehr
Und dann kam es, das rettende Bild. In der Sitzung zuvor hatte ich sehr mit einem Bild gekämpft. Dieses Bild gehörte zur grössten Angst, die ich jemals in meinem Leben ausgestanden hatte. In dieser Sitzung erwartete ich ähnliche Schwierigkeiten. Aber das unerwartete geschah.
Ich malte das Bild, das zur Situation gehörte, in der mir das Schlimmste hätte passieren können, das einem Mädchen passieren kann. Und ich spürte mit absoluter Sicherheit: „Meine Seele hat damals schon gewusst: Egal was da unten jetzt passiert, ich werde es überleben.“ Ich spürte während des Malens meine Hexenseele. Stärker als alles, was mir im Leben zustossen kann.
Ich hatte danach noch einige Sitzungen, um diesen Teil meines Lebens wirklich abzuschliessen.
Dann entliess mich Esther Quarroz hinaus in mein neues Leben. Genau das ist es nämlich. Erst im nach hinein weiss ich, wie sehr mich meine Erlebnisse in der Schulzeit behindert haben. Erst jetzt ahne ich, was für ein Potenzial ich eigentlich besitze. Ich will es ausschöpfen, experimentiere mit meinen Möglichkeiten.
Eines weiss ich sicher, Karriere ist es nicht. Ich arbeite immer noch auf der Viszeralchirurgie. Ich liebe meinen Beruf und als Pflegefachfrau an der Basis fühle ich mich sehr wohl. Im Team habe ich meinen Platz gefunden. Mittlerweile ist dieses Team eines der besten, in denen ich je gearbeitet habe.


Und jeden Tag feiere ich sie, meine Hexenseele. 

Dienstag, 25. Oktober 2016

Sexismus in der Pflege - eine pflegeplanerische Auseinandersetzung

Meine Lieben,
Unter # AufschreiSchweiz haben sich bereits einige bereits einige zum Thema Sexismus geäussert. Meist waren es Beispiele, wie und wo sie Sexismus erlebt haben. Diese Beispiele haben verärgert, haben schockiert, haben erstaunt und eine Diskussion ausgelöst. Eine Diskussion, die wichtig ist, die aus meiner Sicht jedoch weiter gehen muss. Nur Beispiele öffentlich zu machen ändert nur wenig bis nichts. Während ich diese las kam bei mir vor allem ein Gefühl auf: Hilflosigkeit. Nicht meine, sondern ich glaubte die Hilflosigkeit der Betroffenen zu spüren. Auch Pedro Lenz hat dies in seinem Artikel über das Thema (war in einer Zeitung, aber der Name fällt mir nicht ein) angetönt. Ihm ging es um das Servicepersonal, dass sich von Gästen bezüglich Sexismus so einiges gefallen lassen muss. Auch in meiner Welt kommt es vor, dass Pflegende diesem Phänomen ausgesetzt sind Ich könnte mich jetzt auch in diversen Beispielen (von mir als junge Pflegehexe erlebte und gehörten) auslassen. Aber als Pflegehexe bin ich es gewohnt die Dinge nicht nur beim Namen zu nennen, sondern sie auch anzugehen. Und zwar mit System. Mit einer Pflegeplanung.
In den Fokus stellen möchte ich dabei nicht jene, die Sexistische Handlungen (damit meine ich sowohl Worte sowie Taten) begehen, diese hatten in den letzten Tagen schon genug Plattform. Sondern jene, die diese Attacken (und es ist nichts anderes als das) hilflos ausgesetzt sind. Noch konkreter geht es bei dieser Pflegeplanung ausschliesslich um meist junge Pflegende und Lernende. Ich beobachte, dass sie es sind, die am meisten davon betroffen sind. Jetzt wo wir die Ausgangslage geklärt haben stellen wir die Pflegediagnose, natürlich nach NANDA (North American Nursing Diagnosis association) und im PES Format

Pflegediagnose
P (Pflegediagnose: Unwirksames Coping
Ich weiss, sämtliche nicht in der Pflegewelt lebenden Personen sagt jetzt `Hä?‘Ich werde euch jetzt nicht die offizielle Definition runterleihern. Denn auch darauf bekäme ich von Euch nur ein „Hä?“ Darum eine kurze situationsbezogene Erklärung meinerseits: In unserem Fall heisst unwirksames Coping, dass die betroffene Person keine oder ungenügende Strategien hat, um Sexismus etwas entgegen zu setzen.

E. (Ethiologie/ Ursache): Wissensdefizit der Betroffenen Person
Soweit, so klar oder?
S (Symptome): Grenzüberschreitungen werden schweigend und tatenlos hingenommen.
Auch das bedarf wohl keiner weiteren Erklärung
Damit sind wir aber noch nicht viel weiter, als alle anderen, die sich bisher mit dem Thema beschäftigten auch. Darum gehen wir sofort zum nächsten Schritt, der Zielsetzung.
Sich das Ziel zu setzten, niemand ist mehr Sexismus ausgesetzt ist zum einen zu ungenau, da auch nicht wirklich messbar, zum anderen völlig unrealistisch. Ich setze mir daher das Ziel:
Ziel: Pflegende verfügen über Strategien Sexismus zu begegnen und nutzen diese.

Kommen wir nun zu dem in diesem Thema wichtigsten Teil, den Massnahmen.
-          Achtsam sein, spüren ob ich den Spruch, die Berührung meines Gegenüber annehmen will.
Ich bin der Meinung, dass es der „Spruch – Berührungsempfänger (in der folge der Einfachheit halber nur noch Empfänger genannt) ist, welcher definiert, was Sexismus ist. Dazu ist es enorm wichtig, zu spüren, wo die persönliche Grenze liegt.

-          Grenzen setzen. Unmittelbar und unmissverständlich.
Die Reaktion muss sofort kommen. Nur dann hat auch der Sender eine Chance zu merken, dass er zu weit gegangen ist (und kann dann auch nicht sagen, er erinnere sich nicht mehr daran). Es braucht Mut, dies zu tun. Damit exponiert sich der Empfänger und riskiert als Mimose hingestellt zu werden. Aber mein maleviziarisches Statement ist: Lieber als Mimose gelten, als mir ständig Grenzüberschreitungen gefallen zu lassen. Und irgendwann gilt man nicht mehr als Mimose , sondern als Hexe und dann fängt der Spass erst so richtig an!
Wie kann diese Grenze gesetzt werden? Als sehr wriksam erlebe ich den Satz: „Ich möchte nicht, dass wir so miteinander kommunizieren.“ Und bei zu weit gehenden Flirtversuchen habe ich auch schon gesagt: „Solche Dinge will ich nur von meinem Merlin (Mann/Freund) hören.“

-          Unterstützung anfordern
Betroffene müssen nicht alleine kämpfen und dies auch nicht einfach still hinnehmen. Es hat den Vorgesetzten zu interessieren, wenn sich ein Patient so verhält und er soll auch eingreifen, wenn Pflegende der Situation nicht selbst Herr werden. Auch Arbeitskollegen können eine gute Unterstützung sein.

-          Sich schützen
Für mich ein wichtiger Schutz ist mein Name. Ich bin mit keinem Patienten per Du. Ich bin immer Madame. Dies gibt schon eine gewisse Grenze. Sprüche im Du Stil kommen den Sendern eher über die Lippen. Ich korrigiere ein Du auch, wenn es nicht ein „versehentliches“ ist. Ich bin auch nicht das „Engeli und Schätzeli“ so lieb das gemeint sein kann, es ist nicht die Form von Beziehung, die ich mit meinen Patienten pflegen möchte. Ich darf mich auch aus einer Situation heraus nehmen, und zB. eine Körperpflege unter – oder abbrechen, wenn ein Patient sich übergriffig benimmt. Wichtig ist aber, dies dem Sender gegenüber zu deklarieren: „Ich akzeptiere Ihr Verhalten mir gegenüber nicht, deshalb unterbreche ich die Körperpflege jetzt.“ Und nach einiger Zeit wieder das Gespräch suchen, die Erwartungen klar kommunizieren.

Dies ist meine individuelle Pflegeplanung zu diesem Thema. Gewiss gäbe es noch vieles hinzu zu fügen. Die Aktion #AufschreiSchweiz hat dazu geführt, dass über dieses Thema gesprochen wird, dafür bin ich dankbar. Aber es muss weiter gehen. Um eine genauere Begriffsdefinition werden wir nicht herum kommen. Noch wichtiger erscheint mir jedoch Frauen und Männer darin zu unterstützen, Strategien zu entwickeln sich vor übergriffigem Verhalten egal welcher Couleur zu schützen oder es sofort zu unterbinden. Je häufiger die Grenze unmittelbar und klar gesetzt wird, desto weniger wird sie angezweifelt.

Und so wünsche ich Euch allen nun Gesundheit, sie ist das höchste Gut, das keiner kaufen kann.

In Liebe Eure

Madame Malevizia