Freitag, 11. August 2017

Ein Jahr eine Stimme

Meine Lieben,
Heute ist es genau ein Jahr her, dass ich meine Facebook Seite veröffentlichte. Ich hatte keine Ahnung, was sich daraus entwickeln würde. Ich wusste nur eines: Ich wollte Stimme sein, für die Pflege, ich wollte Stimme sein, aus der Pflege und ich wollte Stimme sein in der Pflege. Auch heute ein Jahr danach, hat sich an diesem Wunsch nichts geändert. Und so wiederhole ich es auch an meinem Geburtstag:
Ich bin eine Stimme für die Pflege:
Es geht mir darum, dass die Gesellschaft da draussen weiss, was Pflegende tun, und welche Auswirkung der Fachkräftemangel auf Pflegende, ihre Berufung und ihre Berufsausübung hat.
Hartnäckig mache ich Politiker auf die Probleme der Pflegenden aufmerksam. Das Gesundheitswesen darf nicht weiterhin auf die Diskussion der steigenden Krankenkassenprämien reduziert werden.

Ich bin eine Stimme aus der Pflege
Seit ich 16 Jahre alt bin arbeite ich in verschiedenen Bereichen der Pflege. Noch heute stehe ich an der Front, direkt am Krankenbett. Ich bin eine Stimme, was ich schreibe, ist meine subjektive Meinung, mein subjektives Erleben. Ich bin eine Stimme. Madame Malevizia ist zwar ein Pseudonym, dahinter steht jedoch ein Mensch. Alle Blogs in meinem Namen, sind auch von mir geschrieben. Das schränkt mich zwar mengenmässig ein, macht mich jedoch authentisch und glaubwürdig. Ich stehe zu jedem einzelnen Wort, dass ich bisher veröffentlicht habe.

Ich bin eine Stimme in der Pflege
Es ist mir wichtig, meinen Berufskolleginnen und Berufskolleginnen zu zeigen, dass wir die Kraft zur Veränderung haben. Ich wünsche mir, sie aus der Lethargie, der Hilflosigkeit heraus zu führen und ihnen jene Macht bewusst zu machen, die wir haben. Mit meiner Tätigkeit als Pflegehexe habe ich mir ein Ventil geschaffen, das, was mich Ohnmächtig macht, mich manchmal fast verzweifeln und aufgeben lässt, auszusprechen.

Kurz vor meinem 1. Geburtstag habe ich zwei grosse Geschenke bekommen. 
Am 10.08. hat meine Facebook – Seite den 200. Abonnenten erreicht, und mein Blogbeitrag „chly chrankeschwösterle“ hat bis heute 21585 Zugriffe. Ich habe keine Vergleiche, wie das bei anderen Blogs ist. Aber für mich, die ich nicht einen Franken in Werbung investiert habe, ist das unglaublich viel! 
Das macht mich demütig und dankbar. Dankbar, für alle diese Menschen, die mit mir gehen.
Das seid Ihr, die meine Blogs lesen und weiter verbreiteten, ohne Euch könnte ich nichts von all dem sein, was ich sein will.

An meinem heutigen Geburtstag möchte ich einigen Wegbegleitern besonders danken.
Als erstes Dir Anna Beck, von Anfang an, gingst Du mit mir, schon bevor ich geboren war, hast Du wichtige Impulse gegeben. Du bist also quasi meine Hebamme. J
Désirée Fessler, beste Schwester ever, für deine ehrlichen und fundierten Feedbacks. Der Austausch mit Dir ist mir unendlich wertvoll und wichtig. Immer wenn ich Angst habe, holst Du mich mich wieder herunter und zeigst mir, dass ich nichts zu verlieren, aber sehr viel zu gewinnen habe.
Meiner Familie, die immer an mich glaubt, mir immer Halt ist.
Markus Stadler, du tratst in mein Leben, als ich kurz die Orientierung verlor. Ohne Dich, gäbe es mich vielleicht nicht mehr.
Eve Kohler, Du hast mir ein Gesicht gegeben, ich liebe die Fotos, die du von mir gemacht hast.
Meinem Team, in dem ich als Pflegefachfrau tätig bin. Aus Datenschutzgründen (meine persönlichen, Euren und denen unserer Patienten) kann ich Eure Namen nicht nennen, aber Ihr wisst, wer gemeint ist. Danke, dass ich Teil von Euch sein darf. Danke, dass ich mit Euch immer wieder das Leben feiern darf.
Meiner PDL (auch hier verzichte ich bewusst auf den Namen), die mir von Anfang wohlgesinnt war und mir jetzt auch ermöglicht, mein Leben so einzurichten, dass ich mein wachsendes Engagement und meine Sehnsucht leben kann.
Dem SBK Bern und Schweiz, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind, ihr habt mir von Beginn an eine Plattform geboten.
Ich freue mich schon auf mein 2. Lebensjahr und bin gespannt, was noch alles kommen wird.
Und wenn ich mir noch etwas wünschen darf, trinkt doch heute ein Glas (was auch immer) auf mich!


Eure Madame Malevizia.

Donnerstag, 3. August 2017

Chli chrankeschwösterle


Meine Lieben,

Immer wieder fällt mir auf, wie wenig die Menschen über den Beruf der Pflegefachpersonen wissen. Jüngere Berufskolleginnen (es sind fast ausschliesslich Frauen), erzählen mir oft, dass sie im Ausgang, wenn sie ihren Beruf offenbaren den Satz zu hören bekommen: „Ach, du tuesch chli chrankeschwösterle.“ Was man leicht als billige Anmache abtun kann, zeigt jedoch deutlich auf, wie wenig Respekt unser Beruf in der Gesellschaft geniesst. Auch in der Politik scheint der Eindruck vom „chli chrankeschwösterle“ sich hartnäckig zu halten. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass es Politiker und Politikerinnen gibt, die glauben, die Pflegeinitiative sei nicht nötig.

Ich möchte meine jungen Kolleginnen ermutigen, auf diesen Satz antworten: „Ich mache den Unterschied zwischen Leben und Tod.“

Denn genau das tun wir Pflegefachpersonen (so ist die offizielle Bezeichnung der Krankenschwester in der Schweiz. Darauf lege ich Wert, seit ich auf Google Bilder unter dem Schlagwort Krankenschwester gesucht habe).
Es ist die Pflegefachperson, die Frischoperierte überwachen.
Es sind die Pflegefachpersonen, die bei einem Volumenverlust und den damit zusammen hängenden Blutdruckabfall als erste reagieren
Es sind die Pflegefachpersonen, die den durchgebluteten Verband bemerken.
Es sind die Pflegefachpersonen, die allergische Reaktionen auf Medikamente oder Bluttransfusionen als erste registrieren.
Es sind die Pflegefachpersonen, die eine Atemnot bemerken und erste Schritte einleiten.
Es sind die Pflegefachpersonen, die um frühe Mobilisation, besorgt sind, um Thrombosen und ihre Folgenzu verhindern.
Es sind die Pflegefachpersonen, welche die Hautverhältnisse überwachen, damit Dekubiti vermeiden, sowie Hauterkrankungen wie Pilze oder ähnliches erkennen.
Es sind die Pflegefachpersonen, die an den heissen Tagen darum besorgt sind, dass alte Menschen genügend Flüssigkeit erhalten.
Es sind die Pflegefachpersonen, die bemerken, wenn aus einer Drainage nicht die Flüssigkeit herauskommt, die laut seiner Lage normal wäre.
Es sind die Pflegefachpersonen, welche die Suizidgefahr bei psychisch kranken Menschen einschätzen und sie, wenn nötig in Sicherheit bringen.
Es sind Pflegefachpersonen, die in der Psychiatrie akute Krisen auffangen. Und Menschen in solchen Krisen durch ihre persönliche Hölle begleiten.
Es sind die Pflegefachpersonen, die bei einem Herzkreislaufstillstand mit der Reanimation beginnen, bis das REA – Team da ist.

Ich möchte meine Kolleginnen ermutigen, zu antworten: „Ich bin der Unterschied zwischen würdigem oder unwürdigem Leben und Sterben“

Es sind die Pflegefachpersonen, die Sterbende und ihre Angehörigen bis zum letzten Atemzug und darüber hinaus begleiten. Die dafür sorgen, dass Sterbende keine Angst, keine Schmerzen und keinen Durst leiden müssen.
Es sind die Pflegefachpersonen, die sich darum kümmern, dass volle Einlagen gewechselt werden, dass demente Menschen, die Toilette finden, dass von Kot und Urin verschmutzte Betten frisch bezogen werden.
Es sind die Pflegefachpersonen, die bei depressiven Menschen so lange dran bleiben, bis diese die Kraft aufbringen, ihre persönliche Körperpflege durchzuführen.
Es sind die Pflegefachpersonen, welche die Autonomie von pflegebedürftigen Menschen wahren.
Das alles und noch viel mehr tun Pflegefachpersonen. Sie tun es, unter massivem Zeit – und Kostendruck, der häufig ungefiltert an sie abgegeben wird.
Dies alles zu tun, erfordert nicht nur ein fundiertes Fachwissen und Können, es erfordert auch Herz und seelische Substanz.

„Tuesch chli chrankeschwösterle“
Wenn dann eine Pflegefachperson an einem Abend feiern geht, dann hat sie meiner Meinung nach mehr verdient als diesen abgedroschenen Spruch. Dann hat sie es verdient, Worte des Respekts und des Dankes zu hören, egal in welcher Stimmung das Gegenüber ist.

Eure Madame Malevizia

Montag, 31. Juli 2017

Investieren, mutig, und mit Vision


Für Gesundheitsinstitutionen gibt es zur Zeit offenbar vor allem eine Strategie, um sogenannt rentables Klientel anzuziehen: Sie investieren in die Infrastruktur. Sprich, es wird saniert und neu gebaut. Irgendwo habe ich mal die Redewendung „Investition in Beton“ gehört.
Als Pflegehexe höre ich von meinem Umfeld, verschiedenes über diese oder jene Institution. Selten sprechen die Leute mit mir über diesen wunderschönen Neubau und die luxuriösen Zimmer mit den goldenen Wasserhähnen. Es wird höchstens bemerkt wenn der Bau grottenhässlich und die Zimmer aussehen, wie nur provisorisch hingeschludert. Erwähnenswert ist das aber auch nur, wenn das Ganze noch als Kunst am Bau bezeichnet wird…
Wisst ihr worüber die Leute mit mir sprechen, wenn sie in einer Gesundheitsinstitution waren? Über das Personal, vor allem das Pflegepersonal. Ihre Kompetenz oder Inkompetenz, ihre Freundlichkeit oder Unfreundlichkeit, ihre Zeit, die ihnen zur Verfügung steht, ist offenbar entscheidend, was die Institution für einen Ruf hat. Und der Ruf einer Institution ist der Grund, ob sich Patienten/Bewohner/ Klienten für oder gegen sie entscheidet.
Und so frage mich, wann eine dieser bauwütigen Institutionen auf die Idee kommt, sich von der Konkurrenz abzuheben und in seine Pflegenden zu investieren. Nicht nur auf dem Papier, sondern echt!
Damit meine ich nicht nur angemessene Löhne.
Ich meine damit, sich zum Ziel zu setzen, die Fluktuation so gering wie möglich zu halten. Denn stabile Teams zu haben, bedeutet, es sind erfahrene Pflegende verfügbar, welche Lernende und Frischdiplomierte unterstützen
Um dies zu erreichen sollte zum einen in angemessene Löhne invertiert werden. Noch viel wichtiger ist es jedoch, dass ausreichend Pflegende auf den Stationen zur Verfügung stehen. Dies reduziert Stress und dadurch entstehende Krankheitstage.

Ich meine damit CEOs, die fragen, was brauchen Pflegende, damit sie ihre Arbeit machenkönnen? Pflegende, die sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren dürfen, sind effizient, sind zufriedener und dadurch bestimmt freundlicher. Zudem könnte jeder Betrieb erheblich sparen, wenn die „teuren“ Pflegenden keine Arbeiten mehr erledigen müssen, die nicht in ihren Bereich gehören.
Ich meine damit, dass Pflegedienstleitungen für ihre Pflegenden ansprechbar sind. Ihre Sorgen und Nöte ernst nehmen und sie in den Lösungsprozess miteinbeziehen. Ich meine damit, dass erkrankte (physisch oder psychisch) Pflegende begleitet werden, und das nicht im Sinne von: „Wann kommst du endlich wieder arbeiten.“ Sondern, „Was kann ich für dich tun? Nimm dir Zeit. Wie kannst du gesund werden, wo könnte der richtige Arbeitsplatz für dich sein.“ Ich meine damit, dass Pflegende, wenn sie krank sind ohne schlechtes Gewissen Zuhause bleiben und ihre Krankheit ohne Angst den Pflegedienstleitungen mitteilen können.
Ich meine damit, dass Pflegenden echte Wertschätzung entgegen gebracht wird. Dass sie spüren, jeder Einzelne hier ist wichtig. Ich meine damit nicht irgendwelche Lippenbekenntnisse in den Medien, sondern die kleinen Zeichen, die gesetzt werden können. Weihnachtskarten und ein Weihnachtspräsent zum Beispiel. Oder die Anerkennung dafür, dass von ihnen ein 24 Stundenbetrieb 365 Tage im Jahr aufrecht erhalten wird.
Frau Cornelia Klüver Präsidentin des SBK Bern hat das Thema ebenfalls aufgegriffen (Es ist wirklich Zufall, aber ich nutze ihn gerne). In der Schrittmacherin stellt sie das Konzept des Magnetspitals vor. Es stellt die Frage, weshalb es einigen Spitälern leichter fällt, Personal zu rekrutieren und zu halten als anderen. Die Ergebnisse, decken sich erstaunlich gut, mit meiner subjektiven Einschätzung.
Ich bin überzeugt, dass Investitionen in die Pflege unter dem Strich mehr Ertrag bringen, als die Sanierung von Gebäuden. Aber es braucht mehr persönliche und zeitliche Ressourcen, vor allem des oberen Kaders. Und so frage ich die Damen und Herren CEOs unserer Gesundheitsinstitutionen:
Sind Sie mutig genug, in die Pflege zu investieren?

Eure Madame Malevizia

Samstag, 8. Juli 2017

Ein historischer Tag


Meine Lieben,
heute ist ein historischer Tag in meinem Leben als Pflegehexe. Als ich vor fast einem Jahr meine Homepage einrichtete, habe ich eine Rubrik mit dem Namen „Mali on Tour“ errichtet. Ich hoffte (und wagte gleichzeitig nicht, es für möglich zu halten) als Pflegehexe unterwegs sein zu können und meine Botschaft nach aussen zu tragen. Heute habe ich einen Anfang machen können. Ich durfte bei einem Seminar des CAS Management Gesundheitswirtschaft meine Sicht einbringen. Dies zu den Themen:
„Gesundheitswesen Schweiz im Spannungsfeld von Steuerung und Partizipation“
Referat von Stefan Knoth, Geschäftsleiter, Curanovis
und
„Rolle der Kantone in der Spitalversorgung – Verderben zu viele Köche den Brei?“
Referat von Annamaria Müller, Vorsteherin Spitalamt; Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kanton Bern
Meine Aufgabe war es, zusammen mit Désirée Fessler, die Stimme des Bürgers zu repräsentieren. Eine spannende, aber auch herausfordernde Aufgabe. Wenn ich schreibe, habe ich alle Zeit der Welt, um zu recherchieren, mir eine Meinung zu bilden und diese dann in Worte zu fassen. Heute jedoch, wurde direkt nach dem Vortrag ein Statement von mir erwartet.
Da es jedoch zwei hochkompetente Redner waren, die es schafften die extrem komplexe Materie einigermassen verständlich und spannend zu vermitteln, gelang es mir glaube ich ganz gut. Die Zeit verging leider viel zu schnell, ich hätte noch stundenlang weiter diskutieren können…
Ich bedanke mich bei Herrn Dr. Beat Sottas für die Einladung. Sie haben mir die Chance geboten, meine Sicht der Dinge 25 interessierten Jungmanagern und Jungmanagerinnen mitzugeben.
Ebenfalls danke ich Désirée Fessler, die mit mir die Bürger vertreten hat. Es war toll, dich an meiner Seite zu haben.
Den Teilnehmenden danke ich für ihr Interesse an meiner Sichtweise, für ihr mitdiskutieren, ich hätte mich gerne noch länger ausgetauscht.
Herrn Stefan Knoth danke ich für sein persönliches Feedback. Ich werde über Ihre Anregungen nachdenken (es gibt mich jetzt auf LinkedIn).

Das war ein weiteres Abenteuer als Pflegehexe. Ich hoffe, dass ihm noch viele weitere folgen.

Euch allen wünsche ich nun Gesundheit, das höchste Gut, das keiner kaufen kann.


Eure Madame Malevizia

Ps: Seminarort war der Gurten. Die Aussicht ist überwältigend.


Mittwoch, 5. Juli 2017

Ethik und Gesundheitswesen - Gedanken einer Pflegehexe


Meine Lieben,
Immer wieder schreibe ich von den moralisch – ethischen Fragen, Dilemmas denen Pflegende tag – täglich gegenüber stehen. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Politik auf diesen so unglaublich wichtigen Aspekt in der Kosten – und Personaldiskussion aufmerksam zu machen. In Anbetracht der bereits wieder angekündigten Sparrunden namentlich des Kanton Bern (was ich davon halte, habe ich in meinem offenen Brief bereits klar gemacht) und Kanton Luzern, welche wieder auf dem Rücken der Schwächsten durchgeführt werden, möchte ich in diesem Blog erläutern, was auf dem Spiel steht, wenn die Politik nicht endlich umdenkt, sich auf den Hintern setzt und nach geeigneten Lösungen sucht.
Ich stütze mich bei diesem Beitrag auf die ethischen Prinzipien: Autonomie, Gutes tun, nicht schaden wollen, Gerechtigkeit. Als Denkanstoss nutze ich die Broschüre „Ethik und Pflegepraxis“ des SBK 2013.

Ich beginne mit der Autonomie. Ein Wort, welches mir immer wieder begegnet. Mir scheint, die Autonomie ist in der Schweiz ein wichtiges zentrales Gut. Schauen wir uns nur die Diskussion über die Billateralen Verträge oder den EU – Beitritt an. Fremde Richter? Kommt nicht in Frage! Ebenfalls in das Prinzip der Autonomie gehört die offenbar riesige Angst vor Abhängigkeit. Immer wieder höre und lese ich Statements wie: „Wenn ich mal nicht mehr selbst kann, mache ich Schluss.“ Gerade dies zeigt eines deutlich: Die Autonomie von Kranken ist in Gefahr. Sie ist in Gefahr, weil der Personalmangel dafür sorgt, dass es nicht der körperlich stark eingeschränkte Mensch ist, der bestimmt, wann er aufsteht, sondern der Zeitplan der Pflegenden. Es ist dem Personalmangel zu verdanken, dass Essen einfach eingegeben wird, weil es schneller geht, als den Betroffenen zu führen und ihn so zumindest das Tempo bestimmen zu lassen. Solche Förderungen sind jedoch schlicht unmöglich, weil sonst der/die Letzte erst um 14.00 Uhr sein/ihr Mittagessen bekommen würde. Es braucht Zeit, Angehörigen zu erklären, dass die Autonomie eines hochdementen Menschen bedeuten kann, ihn selbst herum gehen zu lassen, auch wenn man dadurch Stürze in Kauf nimmt. Zeit, die häufig nicht da ist, weil solche Gespräche nicht abgerechnet werden können. Das Selbe gilt für Beratungen, die meist spontan entstehen, wenn es um den Umgang mit bestimmten Krankheitssymptomen geht. Einfach die Reservemedikation verabreichen, geht schneller. Der Betroffene bleibt jedoch hilflos, kann seine Genesung nicht selbst beeinflussen.
Es braucht Zeit, gebrechliche alte Menschen nachts auf die Toilette zu begleiten, der Topf geht viel schneller. Und gerade in der Nacht, in der Pflegende oft alleine sind, zählt jede Minute. Autonomie wird als so wichtig betrachtet, kann jedoch nicht gemessen und auch nicht bezahlt werden, und deshalb kommt sie in den strategischen Überlegungen von Politik und Wirtschaft nicht vor.
Gutes tun, ist jenes Prinzip, welches so deutlich zeigt, weshalb jedes noch so ausgeklügelte Computersystem, jeder noch so menschlich aussehende Roboter niemals Pflegende ersetzen kann. Leider ist es auch das Prinzip, welches nicht in Zahlen ausgedrückt werden kann. Somit ist es unbezahlbar. Gutes tun ist dann gefragt, wenn Menschen eine lebensbedrohliche Diagnose erhalten. Es sind jene Minuten, die sich Pflegende nehmen, um eine Hand zu halten. Es ist die Anteilnahme gegenüber Angehörigen, für die gerade in diesem Moment die Welt stehen geblieben ist, weil ein ihnen lieber Mensch verstorben ist. Gutes tun, ist das, was nicht gelernt werden kann und ein Teil dessen, was wir Berufung nennen.
Wenn Pflegende sich nicht mehr die Zeit nehmen können, um einen Patienten zum Essen zu motivieren, ist Gutes tun, weit weg. Es ist in Gefahr, wenn Pflegende nicht mehr die Kraft haben, sich für einen schmerzgeplagten Patienten einzusetzen, damit dieser eine angemessene Analgesie erhält.

So banal das Prinzip nicht schaden wollen daher kommt, so vielschichtig und gefährdet ist es. Es ist gefährdet, wenn Pflegende keine Chance mehr haben, Patientenrufe innert nützlicher Frist zu beantworten. Ein Ruf, heisst immer, jemand braucht etwas, etwas, das für sein Wohlbefinden wichtig ist. Manchmal ist sogar Leib und Leben davon abhängig, dass jetzt dieser Ruf beantwortet wird. Dem Ruf ist jedoch nicht anzusehen, wo welche Not herrscht.
Das Beispiel des Patienten in seinen Exkrementen, habe ich schon häufig benutzt. Dabei geht es nicht ausschliesslich um das Prinzip nicht schaden wollen, aber es ist bei diesem Beispiel von zentraler Bedeutung. Wie erniedrigend und würdelos es für einen Menschen sein muss, in seinen eigenen Körperflüssigkeiten zu liegen, brauche ich nicht zu erklären. Auch das richtet Schaden an. Ein weiterer Aspekt ist aber auch die Haut, die durch diese Körperflüssigkeiten aufgeweicht und beschädigt wird. Nicht schaden wollen heisst, demente Menschen nicht mit körperlicher Gewalt zur Körperpflege zu zwingen, sondern den richtigen Moment abzuwarten, oder sogar zu schaffen. Dies gelingt jedoch nur, wenn zeitliche und personelle Ressourcen vorhanden sind.

Gerechtigkeit. Wenn ich dieses Wort lese, kommt mir unweigerlich die französische Revolution in den Sinn. Aber darum geht es hier ja nicht. Obwohl, eine Revolution für die Gerechtigkeit, wäre im Gesundheitswesen durchaus angebracht.
Ich frage mich nämlich schon, wo diese Gerechtigkeit ist. Wo ist sie, wenn Einrichtungen um Geld zu sparen, Schutzhandschuhe und Inkontinenzeinlagen rationieren? Solche Zustände gibt es, in Deutschland sind sie öffentlich gemacht worden, aber ich bin überzeugt, dass es solche Dinge auch in der Schweiz gibt. Ich vermisse die Gerechtigkeit, wenn die Versicherung bestimmt, wer in einem Einzel – oder Mehrbettzimmer liegt und nicht der Gesundheitszustand. Ich weiss, wieviel Überzeugungsarbeit Bettendisponenten leisten müssen, wenn ein Patient aufgrund seines Zustandes in ein Einzelzimmer verlegt werden muss.
Ich vermisse die Gerechtigkeit, wenn Pflegende ihre wertvolle Zeit mit immer mehr administrativen Aufgaben verbringen müssen. Da gibt es teilweise echt absurdes zu sehen. Der Umstand, dass Pflegende in vielen Institutionen von anderen Disziplinen Aufgaben zugeschustert bekommen, ist nicht gerecht. Diese Aufgaben reichen von Frühstücksgeschirr abwaschen bis Abfallsäcke leeren. Frei nach dem Motto: Könnte die Pflege nicht noch…Dafür bekommen Pflegende nichts zurück, kein Geld, keine Zeit. Wo ist da die Gerechtigkeit?

Dies sind nur ein paar Gedanken einer Pflegehexe und nur ein Bruchteil dessen, was an ethischen und moralischen Konflikten auf dem Rücken der Pflegenden ausgetragen wird. Jede Sparrunde der Kantone und des Bundes verschärft dieses Problem. Von den Politikern verlange ich, dass sie sich dem stellen, sie haben diesen Beruf gewählt, sie müssen die Verantwortung übernehmen. Auch die Pflegenden haben diesen Beruf (für mich gibt es noch immer keinen schöneren) gewählt, es ist jetzt an ihnen, sich für die Wahrung der ethischen Prinzipien einzusetzen. Sei dies im Kleinen an ihrem Arbeitsplatz (alles muss nicht hingenommen werden), in Diskussionen im Familien – oder Freundeskreis oder im Grossen, durch zeitliches Engagement in Berufsverbänden, Parteien oder Gewerkschaften.
Aber auch alle Bürgerinnen und Bürger dieses Landes sind gefragt, wenn es darum geht, ob und wie die ethischen Prinzipien im Gesundheitswesen ihren Platz haben. Sie sind es nämlich, die wählen und abstimmen. Sie sind es, die bestimmen, wer bei den nächsten Sparrunden entscheidet, wo Geld eingespart wird.
In diesem Sinne wünsche ich unseren Politikern den Mut, sich diesen schwierigen und ebenso wichtigen Themen zu stellen, den Pflegenden die Kraft, weiterhin alles in ihrer Macht stehende zu tun, dass die ethischen Prinzipien in ihren Arbeitsbereichen gelebt werden können und den Bürgerinnen und Bürgern, die Weitsicht, Volksvertreter zu wählen, die bereit sind die Ethik über den Profit zu stellen.

Und jetzt wünsche ich Euch allen Gesundheit, sie ist das höchste Gut, das keiner kaufen kann.


Eure Madame Malevizia

Freitag, 16. Juni 2017

Werter Herr Rösti,


Im Juni 2017
Werter Herr Rösti
Sie sind der erste Parteipräsident, der einen Brief von mir erhält. Ich schreibe Ihnen, weil ich wissen will, warum die schweizer Politiker/Innen die Pflegenden im Stich lassen. Jeder Bewohner dieses Landes wird in seinem Leben  früher oder später einmal auf Pflegende angewiesen sein. Wenn sie aussterben, steht die Schweiz und seine Bevölkerung vor einem riesigen Problem, das Menschenleben kosten wird.
 Der Fachkräftemangel ist ein Fakt, der nicht mehr weg diskutiert werden kann. Das Thema ist also existentiell. In der Öffentlichkeit ist es jedoch kaum präsent und in politischen Diskussionen nicht existent.
Mit Freude und Interesse habe ich festgestellt, dass im Parteiprogramm der SVP die Gesundheitspolitik erwähnt wird. Schade, dass Sie so wenig darüber sprechen, auch wenn Ihre Haltungen nicht in allen Punkten den meinen entsprichen. Ich erachte es jedoch als wichtig, dass über das Gesundheitswesen gesprochen, diskutiert und auch gestritten wird. Das Problem des Fachkräftemangels und der damit verbundenen riesigen Not der Pflegenden wird die Schweiz nur gemeinsam lösen können. Gerne würde ich Ihnen noch ein paar Gedanken zu Ihrem Parteiprogramm mit auf den Weg geben:
Ihre Partei sieht einen Grossteil der Lösung darin, die Gesundheitsinstitutionen dem Wettbewerb und somit der Privatwirtschaft zu überlassen. Ihre Abneigung gegen die Verstaatlichung in allen Ehren, diese Sicht hat für mich einfach entscheidende Fehler:
-          Ein Spital kann niemals wie ein anderer privatwirtschaftlicher Konzern funktionieren. Jeder Konzern lehnt einen Auftrag, von dem er weiss, dass er defizitär sein wird, ab. Ein öffentliches Spital, spätestens ein Universitätsspital kann jedoch einen multimorbiden, hochkomplexen Patienten nicht einfach ablehnen, obwohl schon bei dessen Aufnahme klar ist, dass seine Hospitalisation defizitär sein wird.

-          Ich kann dieser Privatisierung auch deshalb nur wenig abgewinnen, weil für mich der Eindruck entsteht, dass sich die Politik so eines Problems entledigen will und sich aus der Verantwortung stiehlt.
Mit Freude lese ich, dass auch die SVP hinter der Palliative Care steht, umso mehr befremdet es mich, dass es ein SVPler (Pierre Alain Schnegg) war, welcher wichtige Projekte im Kanton Bern sistiert hat.
Sie wollen die „Akademisierung“ der Pflegeberufe rückgängig machen. Dies kann ich in keiner Weise unterstützen. In einem Land, in dem nur Gewicht hat, was in Zahlen gemessen werden kann, ist die Pflege auf ihre eigenen Studien zwingend angewiesen. Wer soll denn belegen, dass das was die Pflegenden tun, wirksam ist, wenn nicht sie selbst? Ich verstehe ihren Ansatz, zielt er doch auch darauf ab, dass jeder, der für diesen Beruf geeignet ist, ihn erlernen kann. Die Ausbildungen sind auch heute noch durchlässig und ein HF Abschluss auch mit einem Realschulabschluss möglich.
 Ich sehe es nicht als sinnvoll an, die Ausbildungsplätze zu erhöhen, wenn die bestehenden Plätze für Pflegefachpersonen HF (und sie sind es, die am meisten in der Praxis fehlen), schon nicht besetzt werden können.
Ich habe mir das Ziel gesetzt, den Präsidenten aller Parteien, die selben vier Fragen zu stellen. Es handelt sich um ethisch – moralische Fragen, mit denen Pflegende tag – täglich konfrontiert sind. Ich bin nämlich nicht mehr bereit zu akzeptieren, dass die Pflegenden mit solchen schwierigen und belastenden Fragen alleine gelassen werden.
Und so frage ich Sie:
Ø Was für eine Pflege wollen Sie für die Schweizer Bevölkerung?
Kommen Sie mir jetzt aber nicht mit Schlagworten wie qualitativ hochstehend und effizient! Damit können die Pflegenden an der Basis nichts anfangen.
Ø Was tut Ihre Partei, damit die von Ihnen gewollte Pflege realisiert werden kann?
Ø Wo sollen Pflegende rationieren, wenn plötzlich mehrere 100 Stellenprozente fehlen, jedoch keine Betten geschlossen werden können.
Zum Schluss noch eine etwas politischere Frage:
Für welche Massnahmen macht sich Ihre Partei stark, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken?
Gespannt und sehr interessiert warte ich auf die Antworten Ihrer Partei, bis dahin wünsche ich Ihnen Gesundheit, sie ist das höchste Gut, das keiner kaufen kann.
Mit freundlichen Grüssen
Madame Malevizia


Montag, 22. Mai 2017

Eine Meinung haben…

Eine Meinung haben…
Der Entscheid, der Inselgruppe, dass Pflege, sowie die Medizinaltechnischen – Therapeutischen Bereiche (MTT) und Medizin in der neuen Konzernleitung durch nur eine Person vertreten sein soll, irritiert. Intern offenbar genauso, wie extern. Eine Stimme, für das gesamte Kerngeschäft? Und so soll dieses Kerngeschäft gestärkt werden? Diese Argumentation scheint mir nicht schlüssig. MTT, Ärzte und Pflegende arbeiten eng zusammen. Der eine ist ohne den anderen nichts. Die Blickwinkel, wie eine Patientensituation oder auch der Betrieb betrachtet wird, unterscheiden sich. Im Alltag ist es genau dieser unterschiedliche Blickwinkel, der für den Patienten so wichtig ist. Anders als CEO Baumann bin ich der Meinung, dass die Patienten diese Bereiche durchaus unterscheiden.
Ich kann mich auch der provokativen Frage nicht erwehren, wie es wohl wäre, wenn statt eines Mediziners, jemand aus der Pflege den Bereich „Medizin“ wie er von der Inselgruppe definiert wurde, vertreten würde?
In meinen Augen es geht nicht um eine Konkurrenz zwischen MTT, Pflegenden und Ärzten, diese Zeiten sind definitiv vorbei. Tatsächlich stehen sich diese Bereiche sehr nah, wie Geschwister, aber es sind keine Zwillinge.

dahinter stehen
Der SBK hat reagiert und klare Forderungen gestellt. Die Pflegenden sowie Mitarbeitende der MTT selbst haben ihre Meinung kund getan. Auch die Ärzteschaft zeigt, dass sie diesen Entscheid nicht nachvollziehen kann und nicht ihrer Haltung entspricht. Den Zeitungsberichten ist zu entnehmen, dass die Pflegenden in der Inselgruppe nicht gewillt sind, dieses Vorgehen einfach so hinzunehmen.

den Weg von Anfang zu Ende gehen
Leider hat es die Inselgruppe verpasst, die Bedenken der verschiedenen Gruppierungen ernst zu nehmen und beharrt auf ihrem Weg. Schade, dass offenbar ein Dialog nicht möglich ist.
Es ist nicht leicht, Pflegende zu mobilisieren. In den letzten Jahren sind die Pflegenden jedoch selbstbewusster geworden. Sie entdecken ihren Wert und auch ihre Kraft. Pflegende lassen sich nicht mehr mit Phrasen wie „Die Pflege ist wahnsinnig wichtig.“ abspeisen. Dem Bund ist zu entnehmen, dass Aktionen geplant sind, ich bin überzeugt sie werden das hohe Engagement, welches sie auch im Alltag zeigen, widerspiegeln.
Sollten sich die Pflegenden der Inselgruppe dazu entschliessen, auf die Strasse zu gehen, wünsche ich mir, dass auch Pflegende aus anderen Spitälern und Bereichen mitgehen. Ich wünsche mir, dass die Ärzte ihre Solidarität öffentlich zeigen und mit der Pflege, den Weg von Anfang zu Ende gehen.
Eure Madame Malevizia

PS: Aufgrund der Lesbarkeit habe ich bei den Ärzten auf die weibliche Form verzichtet,  „frau“ verzeihe mir dies.